Hans-Joachim Frey: Ein Mann, seine Visionen und sein Ball

Veröffentlicht im INSTANTS Finestyle Magazin Heft 2 (Mai 2009)

Der Wiener Opernball bereits eine langjährige Institution, in Dresden ist er erst vor vier Jahren aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Der SemperOpernball steht kurz bevor. In ungefähr sechsundfünfzig Stunden werden die Herrschaften, fein gekleidet in Smoking und Abendkleid, über den roten Teppich marschieren und den Debütanten beim Eröffnungsball zuschauen. Doch bis es soweit ist, muss noch viel passieren. Rund 2000 Gäste brauchen Platz – zum essen, tanzen und flanieren. Aus diesem Grund beginnt ein über 150-köpfigesTeam, zusammengestellt aus Veranstaltungstechnikern, Bühnentechnikern, Bühnenbildnern und Dekorateuren schon eine Woche vor dem Ball mit den Umbauarbeiten – insgesamt wirken sogar um die 1300 Personen am SemperOpernball mit.

Über 700 Stühle werden aus dem Zuschauersaal getragen, Podeste kommen an ihre Stelle und werden mit rotem Teppich beklebt. Hier werden in zwei Tagen Tische und Stühle für die Gäste stehen– für die hochpreisigeren Karten. Überall wird gebohrt, geklebt, gehämmert und geklopft. Diese Geräuschkulisse begleitet mich auch in meinem Interview mit Hans-Joachim Frey, dem Vorsitzenden des Vereins SemperOpernball.

Hans-Joachim Frey hat viele Pressetermine heute Mittag. Schon als wir ankommen steht er einem Radiokollegen Rede und Antwort. Dann sind wir dran. Frey ist medienbewandert. Er sieht, dass Mirko das Interview in Bildern festhalten will und weiß sich direkt in Szene zu setzen. „Setzen wir uns doch über Kreuz, das gibt schöne Bilder“, schlägt er vor.

INSTANTS: Herr Frey, Sie sind Vorsitzender des Vereins SemperOpernball, Generalintendant der Oper Bremen, leiten außerdem das „Forum Tiberius“ und nun organisieren Sie nebenbei auch noch das „World Culture Forum“. Warum machen Sie das alles, ist das Ihre Art der Freizeitbeschäftigung?

Frey: Es ist tatsächlich ein bisschen viel. Ich hab das ja hier alles in Dresden begonnen und deswegen liegt es mir besonders am Herzen, auch wenn ich seit eineinhalb Jahren in Bremen bin. Es ist sehr, sehr viel, das weiß ich. Ich werde auch über kurz oder lang irgendwo die Reißleine ziehen müssen, aber der Opernball liegt mir ganz besonders am Herzen. Und Gastgeber zu sein bei solch einem Ereignis ist natürlich toll.

INSTANTS: Und was ist Ihre persönliche Begeisterung, mit der Sie sich engagieren?

FREY: Also meine persönliche Begeisterung oder Motivation oder Vision ist, Leuten in unserer Gesellschaft klar zu machen „Geht mit Kunst und Kultur um!“, weil es so enorm wichtig ist, die Leute zu sensibilisieren. Es ist wie so eine Mission, sie zu konfrontieren und sie dafür zu begeistern und sie für die Kultur affin zu machen.

INSTANTS: Eine „Mission“ – das klingt jetzt so, als würden Sie sich für das gesellschaftliche Wohl verantwortlich fühlen. Ist das so oder engagieren Sie sich auch aus persönlichem Nutzen?

 

FREY: Ich profitiere insofern nur als Person von diesen Aktivitäten und keinster Weise finanziell. Ich mache das nämlich alles ehrenamtlich. Aber als Bremer Generalintendant, der hier einen Wendelin Wiedeking oder einen Wladimir Putin begrüßt, hat für sein Haus Bremen natürlich auch Vorteile. Das sag ich auch. Ich kenne diese Gäste, und kann so natürlich auch Sponsoren gewinnen. Ich verbinde alles mit allem und im großen Ganzen profitiere ich und auch alle anderen Kunstschaffenden und Kunstinteressierten davon.

Während wir plaudern, dokumentiert Mirko die Umbauarbeiten im Opernsaal. Das Bühnenbild für den Opernball wirkt fast wie ein riesengroßes Kirchenschiff, die Hauptbühne wird zum Tanzboden, die Seitenbühnen dienen als Zuschauerränge.

Eine Gruppe junger Männer misst den Bühnenboden ab. Einer von ihnen nimmt Schrittmaße: „eins, zwei, drei…“ Dann versucht es ein anderer bis sich ein Dritter schließlich erbarmt und sagt „Ich hole doch lieber ein Maßband“. Es sollte schließlich perfekt werden.

INSTANTS: Sie waren ja auch lange Zeit Operndirektor an der Semperoper, arbeiten nun aber in Bremen. Sind Sie traurig, dass Sie Dresden hinter sich lassen mussten? Denn Sie sind hier noch so engagiert, dass es scheint als könnten Sie sich nicht lösen?

FREY: Nein. Dresden ist ein fantastischer Platz. Hier war ich zehn Jahre lang und ich war zum Schluss als Operndirektor die Nummer zwei in der Hierarchie und ich wollte Nummer eins werden. In Bremen habe ich ein fantastisches Vierspartentheater und bin für Oper, Schauspiel, Tanztheater und Kinder- und Jugendtheater zuständig. Ich habe sozusagen vier Theater zu leiten und das ist sehr spannend. Das wollte ich auch unbedingt.

INSTANTS: Haben Sie es persönlich genommen, dass Sie nicht hier in der Semperoper die Nummer eins geworden sind?

FREY: Nein. Das wäre 2010 zu früh gewesen. Ich habe einen Vertrag bis 2012. Die Konstellation wäre völlig anders gewesen, wenn der jetzige Intendant Herr Uecker bis 2012 oder 13 hier Intendant gewesen wäre. Dann hätten wir darüber reden können.

INSTANTS: Wie gehen Sie denn mit Kritik um?

Das kommt ganz darauf an, in welcher Form sie geäußert wird. Ich kann Ihnen da ein ganz aktuelles Beispiel erzählen. Ich habe in Bremen einen Marketingpreis gewonnen – für viele Zuschauerleistungen und ein völlig neues Branding. Darauf war ich sehr stolz. Daraufhin bekam ich aber in der Frankfurter Rundschau eine Kritik „Theater Bremen gerät immer weiter in die Kritik und in die Krise, das ist der Untergang des abendländischen Theaters: Marketingkultur, Eventkultur, Jetzt wird er mit Preisen überhäuft, man muss doch Kunst machen, was interessieren einen da die Zuschauer…“ und so weiter. Diese Kritik ist mir erst sehr nah gegangen. Dann habe ich gelernt, damit umzugehen und habe sie auch ein Stück damit abgetan, dass es immer diese Polarisierung geben wird. Wenn man viel tut, polarisiert man. Aber ich würde lügen wenn ich sagen würde, es prallt alles an mir ab. Ich will natürlich gefallen mit dem was ich mache.

Die Stufen im Zuschauerraum werden noch verkleinert, damit die feinen Damen mit ihren dünnen hohen Absätzen nicht stürzen. Jeder Arbeitsschritt ist genau geplant. In dieser Woche vor dem Opernball wird Tag und Nacht gearbeitet, die Tages- und Nachtschichten gehen nahtlos ineinander über. Über 10 Kilometer Kabel werden verlegt, 45 Tonnen zusätzliche Licht- und Tontechnik werden installiert und auch die Blumendekoration fehlt noch – sie wird extra aus Berlin geliefert.

„Der Opernball ist eine sehr interessant Aufgabe für uns, sowohl technisch als auch organisatorisch“, sagt Wolfgang Schröter, der Leiter der Konstruktion und der technischen Organisation des Opernballs. „Wir werden natürlich auch beim Ball dabei sein und gehören glücklicherweise nicht mit zu der Frühschicht, die dann am Samstag ab fünf Uhr morgens für den Abbau verantwortlich ist.“ Er lacht.

Hinter der Bühne sitzt eine Gruppe junger Frauen, die Goldbänder für die Bühnenkanten zurechtschneiden – wie viele es werden, wissen sie noch nicht, aber sie werden sicher noch eine Weile beschäftigt sein.

INSTANTS: Der Dresdener Opernball hat 67 Jahre lang Dornröschenschlaf gehalten. Wie kamen Sie denn vor vier Jahren auf die Idee, ihn wieder ins Leben zu rufen?

FREY: Ich war ja von 1997 bis 2007 hier. Und als ich hier herkam, träumten die Oper und die ganze Stadt davon, eines Tages den Ball zu machen. Und immer hieß es das sei nicht möglich, das sei nicht finanzierbar und es geht nicht. Irgendwann war aber klar, im Jahr 2006 wird die Semperoper 800 Jahre alt und dann müssen wir es schaffen, allerdings hat das Ministerium mir als Operndirektor auferlegt, ich dürfe es nur auf eigenes Risiko machen. Und dann haben wir den Verein SemperOpernball e.V. gegründet. Nachdem ich gegangen bin, kam natürlich die Frage auf, wie es weitergehen solle. Aber die Partnerschaft zwischen Verein und Semperoper ist so freundschaftlich, dass es auf jeden Fall weitergehen wird und mein persönlicher Ehrgeiz hat sich somit schon sehr gelohnt.

INSTANTS: In Wien wird der Opernball ja sehr kontrovers diskutiert. Es gibt sogar Protestbewegungen, die ihn als „bourgeoise“ abstempeln. In Dresden ist das anders – hier tanzen die Menschen auf dem Theaterplatz. Wie erklären Sie sich das?

FREY: Das ist die glücklichste Fügung, die sich jemals getan hat. Wir haben vermeiden können – ich will das mal burschikos ausdrücken – dass die Bürger das Gefühl haben, hier drinnen feiern reiche dekadente Wessis auf ihre Kosten. Drei Monate vor dem ersten Ball haben wir nachts mit dem Fernsehen zusammen gesessen und uns überlegt: „Wir brauchen noch irgendeinen Kick“. Dann sagte irgendeiner in der Runde, „Ja Mensch, Wetten dass…? Hat doch auch immer ne Außenwette, kann man da nicht was machen?“ Und plötzlich war innerhalb von Sekunden die Idee geboren, eine Live- Übertragung des Spektakels auf dem Vorplatz zu machen. Und damit haben wir natürlich den großen Brückenschlag gewonnen weil die Leute friedlich draußen tanzen. Außerdem gibt es viele Flanierkarten, die sich auch der einfache Bürger leisten kann. Jeder hat das Gefühl es ist „sein“ Ball. Er geht hin, bekommt alles mit, ist Teil von diesem Ball und Teil der Fernsehlivesendung, auch wenn er es sich normalerweise nicht leisten könnte. Wir haben hier also keine Zweiklassengesellschaft und das ist sehr angenehm.

So wird auch der Theaterplatz herausgeputzt – Schnee und Eis müssen noch entfernt werden, damit auch die Gäste, die das Spektakel auf der Leinwand verfolgen, nicht ausrutschen. …

Im Ballettsaal wird währenddessen noch geprobt, drahtige junge Menschen trainieren konzentriert und lassen sich von den Umbauarbeiten nicht aus der Ruhe bringen. Ab morgen werden aber auch der Ballettsaal und die Probebühne umgebaut sein – hier entstehen der „Spiegelsaal“ und die „Fledermauslounge“, die vom dem großen roten Sofa, bekannt aus der gleichnamigen Oper, dominiert wird. „Hier wird der etwas flippigere Teil des Abends stattfinden“, erklärt ein Vorarbeiter, der mir seinen Namen nicht nennen will und hofft, dass die flippigen jungen Leute nicht auf die Idee kommen werden, in den Räumlichkeiten zu rauchen. „Rauchen im Theater, das ist ein sensibles Thema“.

Mit einem anderen sensiblen Thema beschäftigen sich derzeit die Medien, immerhin wird ein internationaler Staatsgast erwartet.

INSTANTS: Der russische Ministerpräsident Waldimir Putin hat sein Kommen angekündigt. Wie kamen Sie gerade auf Putin?

FREY: Dadurch, dass Putin kommt hoffen wir, immer wieder internationale Staatsgäste zu bekommen und den Ball in ein internationales Ranking zu bekommen – ein großer europäischer Ball. Das ist damit jetzt gelungen. Putin hat Dresdner Wurzeln, egal wie man das sieht. Und wie das so ist, wir haben daran gearbeitet, ihn zu bekommen und als wir gar nicht mehr mit ihm gerechnet hatten, kam Anfang November plötzlich die Zusage. Ich sehe es ganz, ganz positiv, weil ich sage, wenn ein solcher Ball, ein Kulturereignis, ein Musikereignis, ein Tanzereignis es schafft, Brücken zu bauen und es als Investition in die Zukunft gesehen werden kann – völkerverbindend – dann sollte man auch nicht sofort dagegen, sondern eher stolz darauf sein, dass es gelingt, diese Brücken zu bauen.

Die gesamte Oper wird umgekrempelt, überall stehen Kulissenelemente –Palmen, Statuen, Möbelstücke –die auf ihren Abtransport in die zahlreichen Lagerstätten warten, immerhin sind es ja nur noch fast zwei Tage, bis alles stehen muss.

INSTANTS: Sind Sie sicher, dass alles klappt?

FREY: Man ist nie hundertprozentig sicher, man muss immer bis zur letzten Minute arbeiten. Und ich sehe mich schon morgens um fünf über den Ball gehen und mit Wehmut sagen „alles ist schon wieder vorbei“. Wir haben für acht Stunden einmal alles aus den Angeln gehoben, aber das gehört dazu. Ich denke aber schon, dass alles perfekt laufen wird, aber man weiß es nie. Ich bin immer sehr nervös und angespannt.

Hans-Joachim Frey hat noch viel zu tun. Als wir uns voneinander verabschieden, kündigt sich schon das nächste Presseteam an. Morgen muss er noch zur Stellprobe, dann gibt es noch eine Generalprobe mit dem Fernsehen, bis er sich vielleicht noch einmal zurückziehen kann, um sich dann in Schale zu werfen: „Entweder Smoking oder Frack. Das steht aber auch noch nicht genau fest, denn wir hatten bisher immer Frack und ich lege größten Wert darauf. Aber ein internationaler Staatsgast, der kommt, wird nur einen Smoking tragen und jetzt bin ich als Ballleiter hin und her gerissen, ob ich auch einen Smoking tragen muss…“

Insgesamt acht Stunden lang werden sie feiern, dann beginnt der Abbau, denn am Sonntag Abend steht schon wieder Puccinis Oper „Madama Butterfly“ auf dem Spielplan und bis dahin müssen die 700 Stühle wieder an ihren Platz gebracht, der rote Teppich weggerollt, das Catering abgebaut und die Bühne wieder in ihren Originalzustand gebracht werden. Die Hauptsache aber ist, dass Dresden mit dem Opernball ein internationales Exempel statuiert und eine ganze Nacht zum Tage macht.

 

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