Kulturförderung in der Krise: Alles halb so schlimm

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 16 (Jul/Aug/Sep 2009)

Krise. Das Wort ist in aller Munde. Jeder hat davon gehört, sein Auto abgewrackt oder seine Aktien verkauft. Wirtschaftskrise. Sie trifft jeden. Alle Branchen, die Großen und ganz besonders hart auch die Kleinen. Und auch die Kulturszene bleibt nicht unberührt. Wie viel Kultur muss sein, wenn die Weltwirtschaft wackelt? Wenn selbst große Unternehmen nicht mehr auf eigenen Füßen stehen können, wie soll dann erst die alternative Kulturszene überleben? Konjunkturpakete retten die Wirtschaft, wer rettet die freie Szene? Ohne staatliche oder private Förderung geht so gut wie gar nichts. Die mitteldeutsche Kulturförderungslandschaft zeigt ein sehr vielseitiges und vor allem unüberschaubares Bild: Sie reicht von finanzieller Unterstützung durch öffentliche Institutionen bis hin zum persönlichen Engagement von Kulturpaten aus der Wirtschaft. Künstler und Kulturschaffende fürchten mit dem Zusammenbruch der Wirtschaft nun auch Kürzungen der Förderungen im kulturellen Bereich.

Die öffentlichen Fördertöpfe vom Bund, den Ländern oder den Kommunen sind in den meisten Fällen der erste Ansprechpartner für Kulturschaffende mit neuen Ideen. Die Kulturstiftungen der Länder kümmern sich um den Erhalt der freien Kunst- und Kulturszene und stellen jährlich einige Millionen Euro zur Verfügung. In Sachsen scheint, zumindest kulturell gesehen, die Welt noch in Ordnung. „Wir als öffentliche Kulturstiftung bekommen die Finanzkrise nicht zu spüren. Die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen hat Ihr Stiftungskapital krisensicher angelegt und durch die Finanzkrise keinerlei Einbußen erlitten. Auch die Zuschüsse des Freistaates Sachsen sind nicht von Kürzungen betroffen.“ Auch dass sich die Nachfrage von Seiten der Künstler seit Beginn der Krise erhöht hat, kann Dr. Manuel Frey, stellvertretender Stiftungsdirektor, nicht behaupten. Der Anstieg der Anträge sei ein längerfristiger Trend und habe mit der Finanzkrise nichts zu tun. Ähnlich sieht es auf Bundesebene aus, scheinbar gibt es noch keine nennenswerten Veränderungen bei der Kulturstiftung des Bundes. Noch nicht, betont Pressesprecherin Friederike Tappe-Hornborstel: „Interessant wird es vermutlich erst ab dem nächsten Haushaltsjahr, wenn die Mindereinnahmen bei Kommunen, Ländern und Bund Sparmaßnahmen zur Folge haben können – und wenn vor allem die Wahlen vorbei sind.“ Auf höchster Ebene scheint die Krise also noch weit weg zu sein. Na, gut zu wissen.

Ähnlich sehen es die privaten Stifter der Kulturstiftung Festung Mark in Magdeburg. Die alte Festung wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Verteidigungskaserne gebaut. Für Melanie Ockert, Pressesprecherin des Vereins, ist es besonders wichtig, einerseits das alte Gemäuer zu erhalten, andererseits aber auch „Leben in die Hallen zu bringen“. Aus diesem Grund wurde vor genau vier Jahren der Verein zur Förderung der freien Kulturszene in Magdeburg ins Leben gerufen. „Gerade die freie Kunst und Kultur wird hier sehr ernst genommen, denn durch kulturelles Engagement werden langfristig Arbeitsplätze geschaffen und dadurch wiederum kommen Leute in die Gegend“, betont Melanie Ockert, „und nicht nur der Verein der Festung Mark setzt sich dafür ein. In ganz Magdeburg wird die freie Szene bereitwillig gefördert. Als die Stiftung gegründet wurde, zählte sie immerhin die meisten Gründungsmitglieder in Deutschland.“ Über 300 Stifter haben sich zusammen gefunden, darunter auch die Universität, die Fachhochschule, viele Firmen und Privatpersonen, um die Kunstszene in Magdeburg aktiv zu halten. Wo früher Soldaten nächtigten, finden heute regelmäßig Kunst- und Kulturveranstaltungen von Theaterproduktionen und Ausstellungen bis zu Konzerten statt. Noch gehört die Festung Mark der Stadt Magdeburg – diese übernimmt die aufwendigen Baumaßnahmen. Jedoch will die Stiftung, sobald sie finanziell in der Lage ist, die Trägerschaft übernehmen. Finanzkrise? „Die spüren wir noch nicht“, erklärt Melanie Ockert. „Klar, kann es sein, dass es sich der eine oder Spender jetzt doch anders überlegt, aber das wird sich sicher erst später herausstellen.“

Wenn aber genau das passiert, wenn wegen der Finanzkrise Sparmaßnahmen ergriffen werden und möglicherweise sogar die öffentliche Förderung knapper wird oder gar ausbleibt, stehen Kunst- und Kulturschaffende der freien Szene vor einem riesigen Geldproblem: Personalkosten und Raummieten können nicht mehr getragen werden, die Idee muss scheitern. In Erfurt ist dieses Jahr genau das passiert. Der Kulturetat der Stadt wurde um zehn Prozent „vorsorglich gesperrt“, wie es das Kulturamt Erfurt benennt. Der Herausgeber des Erfurter Kulturblattes „hEFt“, der Kulturrausch e.V., fasst das auf seiner Homepage so zusammen: „Es ist soweit: die Krise hat Erfurt erreicht. Zehn Prozent der für 2009 eingeplanten kommunalen Fördermittel für den Kultur- und Sozialbereich werden bis auf weiteres gesperrt. Als Grund wird das von der Kommune mit zu finanzierende Konjunkturpaket der Bundesregierung vorgehalten. Das finden wir gut, denn klar ist: Werden wieder Autos, Schokoriegel oder Modelleisenbahnen gekauft, ist das gut für die Wirtschaft. Wir bekommen mehr Geld um die Krise wegzukaufen – und dann geht der ganze Warenwahnsinn weiter.“ Thomas Jahn, der Kulturmanager des Kulturamtes Erfurt, betont dagegen, dass es sich tatsächlich nur um eine Sperre und nicht um eine Kürzung des Etats handle. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung müsse tatsächlich von der Stadt mitgetragen werden, die Kultur solle davon aber nicht betroffen bleiben: „Die für das Jahr 2009 zur Verfügung stehende Summe wird, was die Kulturförderung betrifft, in voller Höhe ausgezahlt. Wir werden das Problem der fehlenden Gelder verwaltungsintern regeln.“ – Also alles heiße Luft? Ende Mai kommt dann die Erleichterung: Die Kulturschaffenden erhalten endlich die Nachricht, dass die Zehnprozentsperre tatsächlich aufgehoben sei.

Fest steht jedenfalls, dass sich die freie Kulturszene trotz des nun eingeschlagenen Richtungswechsels der Erfurter Verwaltung vernachlässigt fühlt. Monique Försters Kunsthaus Erfurt ist eine der Institutionen, die diese vorsorgliche Nichtauszahlung der Mittel in der ersten Jahreshälfte stark zu spüren bekommen hat: „Wir waren existenziell bedroht, konnten unsere Kosten nicht tragen. Aber glücklicherweise haben wir sehr viel Solidarität in Erfurt gespürt.“ Kunstschaffende, Studenten, Historiker, Professoren, also Kunstinteressierte aus allen Schichten und Berufen haben sich zusammengefunden und den „Klub 500“ ins Leben gerufen, um der finanziellen Vernachlässigung der Kultur den Kampf anzusagen. Gleichzeitig wollen sie, dass die Kultur mehr gesellschaftliche Relevanz erfährt – was nach Meinung der Gründer bislang nicht der Fall war. „In Erfurt schwelt schon lange eine Kulturdebatte darüber, welche Kultur wir nun eigentlich haben wollen. Ob wir uns nun auf das konservative Kulturverständnis stützen wollen und Erfurt touristisch vermarkten wollen – mit Mittelaltermärkten und ähnlichem – oder ob wir eben die zeitgenössische Kunstszene fördern wollen.“ Monique Förster sieht in der Förderung der freien Kunstszene auch wirtschaftlichen Fortschritt: „Man kann sich die zeitgenössische Kultur auch wirtschaftlich zunutze machen – Berlin und Leipzig sind beste Beispiele dafür. In Erfurt bewegt sich leider nichts und das wollen wir ändern.“ Die Gründung des Klubs ist übrigens eine direkte Reaktion auf die Aussage des Kulturbeigeordneten Karl-Heinz Kindervater: „Viele hunderte Euro haben wir in diese Kunst- und Kulturprojekte gesteckt. Man darf nicht außer Acht lassen, dass diese Projekte nur einen kleinen Kreis interessieren. Und wir stehen immer noch in der Pflicht, verantwortungsvoll mit Steuergeldern umzugehen.” Natürlich sind die Erfurter Künstler empört, schließlich erwarten auch sie einen verantwortungsvollen Umgang mit Steuergeldern, nur wollen sie statt einiger hundert lieber viele tausende Euro in ihre Projekte investiert wissen. Immerhin aber müssen die Erfurter nun nicht mehr um die Kürzung ihrer Förderungen bangen. Die Krise scheint also erst einmal abgewendet.

In Leipzig haben die freischaffenden Künstler und Kulturinteressierten nach langen Kämpfen der Initiative „Fünf für Leipzig“ die fünf Prozent öffentlicher Förderung erreicht. Hier etabliert sich außerdem zeitgleich zur Wirtschaftskrise ein Projekt, welches ohne Geldmittel zur Förderung von Kunst und Kultur beiträgt: Im Januar 2009 wurde die Initiative „Kulturpaten“ gestartet, die Leipziger Unternehmen mit Kulturschaffenden der Stadt zusammenbringt. Die Projektpartner aus der Wirtschaft unterstützen die Zöglinge nicht durch Sponsoring, sondern durch ihr Know-How – von Werbekampagnen über Software-Erfahrung, Zimmervermittlung oder Eventplanung. Anja Schulze, Projektleiterin der Leipziger Kulturpaten, ist die hauptverantwortliche Organisatorin. Sie bringt Kultur und Wirtschaft an einen Tisch. „Ich sehe mich in dieser Position als Vermittler. Die Künstler treten an mich heran, schildern ihren Bedarf und ich suche dann nach einem passenden Partner, der Ihnen bei genau diesem Problem helfen kann. Gleichzeitig kommen aber auch Unternehmer auf mich zu, die sich kulturell engagieren wollen, aber nicht wissen, wie. Wir bringen dann die Unternehmen mit den Künstlern zusammen und gemeinsam beheben sie dann die Defizite.“ Solche Defizite sehen Künstler oftmals in organisatorischen Details – und die erhoffen sie sich von den Profis.

Die Vermittlung durch die Leipziger Kulturpaten hat den Vorteil, dass die Kulturschaffenden hier nicht als Bittsteller auftreten, sie suchen und werden gefunden. „Leute aus völlig fremden Metiers anzusprechen fällt vielen Künstlern und Kulturschaffenden nicht leicht.“ Wenn wir das aber übernehmen, gibt es beiden Seiten eine Sicherheit, denn was zwar als unverbindliches Vorgespräch beginnt, wird sehr schnell verbindlich. Und auch bei entstehenden Unstimmigkeiten, sind wir dann wieder die Vermittler.“ Im ersten halben Jahr hat Anja Schulze schon 15 Kulturpatenschaften geschlossen. Krisensicher? Soweit schon, denn Gelder fließen nur von Sponsoren – um die anfallenden Personalkosten zu decken – und die sind bis Ende 2009 gesichert. Alles andere erledigen die Paten selbst, ohne Geld. Die Kulturpaten sind laut Anja Schulze eine Innovation, die Leipzig auch kulturwirtschaftlich nach vorne bringt: „Die Kulturpaten haben in der Leipziger Kulturförderungslandschaft eine Lücke gefüllt – weil Kultur eben auch nicht-finanzielle Förderung sehr gut gebrauchen kann und so auch von Wirtschaftsunternehmen ernst genommen wird.“ Für Marcus Ferchland, Steuerberater der Ferchland Consulting Partners GmbH und Kulturpartner des Leipziger Westflügel e.V., steht soziales Engagement im Vordergrund: „Gewinne sind das eine, aber man muss sich auch an sozialen Faktoren orientieren. Man kann nicht immer nur durch das Leben gehen und alles Gute mitnehmen. Man muss auch geben. Ansonsten passiert genau das, was wir gerade in der Finanzkrise erleben.“ Aber natürlich ist das ehrenamtliche Interesse des Wirtschaftsunternehmens nicht ganz uneigennützig: Öffentlichkeitswirksam bekommt es das Logo der Leipziger Kulturpaten, welches es auch nach außen als Kulturliebhaber und -Förderer kennzeichnet und kann gleichzeitig neue Kontakte knüpfen. Eine scheinbar glückliche Symbiose von Wirtschaft und Kultur.

Spurlos ist die Finanzkrise also nicht an Mitteldeutschland vorübergegangen, dennoch gibt es noch keinen Grund zur Panik. Kunst – auch und insbesondere die freie Szene – schafft sich mit harten Kämpfen und Solidarisierung einen starken Stellenwert. Kunst fördern, so erkennen Sponsoren und Verwaltungseinheiten, heißt auch Wirtschaft fördern. Und das kann Mitteldeutschland gerade in Zeiten finanzieller Unsicherheit in allen Bereichen gut gebrauchen. Magdeburg und Leipzig setzen dies bereits um und auch Erfurt hat das Ruder gerade noch herumgerissen. Wenn das Geld nicht reicht, dann wird auch die Förderung in Form von Wissen und Engagement, wie es die Leipziger Kulturpaten vormachen, gerne angenommen. Gute Ideen, Überzeugungskraft und Durchhaltewillen brauchen die kreativen Köpfe aber überall – ob mit oder ohne Krise.