Rückblick: 20 Jahre Friedliche Revolution

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 17 (Okt/Nov/Dez 2009)

20 Jahre Friedliche Revolution, das bedeutet 20 Jahre Ende der DDR-Diktatur, 20 Jahre vereintes Deutschland und 20 Jahre Erinnerung. Im Herbst 1989 gingen in Leipzig viele Menschen auf die Straße, um für Veränderung in der DDR einzustehen. Die Leipziger Zeitzeugen Dagmar Völker (Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie), Katrin Hattenhauer (Künstlerin) und Tobias Hollitzer (Leiter der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“), erinnern sich.

Leipzig, Ende der achtziger Jahre. Unmut über die politische Situation der DDR macht sich breit. Auch in Leipzig ist sie stark zu spüren.

Hollitzer: Die zweite Hälfte der achtziger Jahre war eine recht ausweglose, graue und öde Zeit. Wenn man durch die Stadt ging, sah man, dass fast jedes Haus verfiel. ich musste in meiner Wohnung jede Woche mit dem Teereimer aufs Dach, um es zu flicken, damit das Wasser nicht durchläuft. Es gab nichts zu kaufen, alles war kaputt und in der Zeitung stand genau das Gegenteil. Intellektuell lief nur wenig bis gar nichts. Auch die Umweltsituation war unerträglich wegen der Braunkohleindustrie. Leipzig war eine der dreckigsten Regionen der DDR.

Völker: Ich nenne die achtziger Jahre heute die „bleierne Zeit“, denn da war klar, es ging hier überhaupt nicht weiter. Alle jungen Leute wollten weg. Auch ich habe darüber nachgedacht. Es war so ein Gefühl, dass man auf so einem ganz verlorenen Posten ist und dass es sich immer mehr einengt und dass es keine richtige Zukunft gibt. Es war ja alles falsch. Es gab eine starke Spaltung zwischen dem „offiziellen“ und dem, was man zuhause mit den Freunden redete. Und das war so lächerlich.

Hattenhauer: Ich komme gebürtig aus Nordhausen, das lag ja direkt an der Grenze. Schon als Kinder haben wir immer mit meiner Mutter die Westnachrichten geguckt und durften das dann am Tag danach in der Schule nicht verraten. Wir haben also schon sehr früh diese Schizophrenie erlebt, was es heißt, zu wissen, wie der Staat funktioniert, aber den Mund halten zu müssen. Diese Art Lüge haben tausende Kinder ertragen müssen und es wurden immer mehr Lügen, die ich im Laufe der Jahre entdeckt habe. Und indem ich mir das Recht herausnahm, Dinge zu hinterfragen, wurde ich schnell als revolutionär abgestempelt, ohne das eigentlich gewollt zu haben. Aber irgendwann dachte ich mir nur noch „Wenn Ihr mich in diese Ecke drängt, dann mach ich‘s auch richtig“.

Leipzig, Frühjahr 1989. Buchmesse in Leipzig. Die Stadt ist voller Menschen und Dagmar Völker hört sich in der Moritzbastei eine Lesung von Hans Magnus Enzensberger aus seinem Buch „Ach Europa“ an. Ein erster Hoffnungsschimmer verbreitet sich und lässt sie nicht mehr los.

Völker: Sein Buch endete mit einem Kapitel, in dem ein Kongress beschrieben wurde zu einem Zeitpunkt, an dem es keine Mauer mehr gab – im Jahre 2006. Und es war eine atemberaubende Vision. Es herrschte in dem Moment eine Stimmung, als ob wahr werden könnte, was unvorstellbar war: dass die Mauer wegkäme. Es lag sozusagen in der Luft.

Peking, 4. Juni 1989. Ein gewaltsamer Gegenschlag von Seiten des Kommunismus: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens wird eine friedliche Studentendemonstration brutal niedergeschlagen. Zwischen 700 und 3.000 Menschen kommen dabei ums Leben. Auch in Leipzig bekommen die „Oppositionellen“ die Gewalt zu spüren.

Hollitzer: Ich habe im Juni sehr intensiv bei der Vorbereitung des Pleißepilgerwegs gearbeitet. Wir wollten am Beispiel des verrohrten Flusses auf die gravierenden Umweltprobleme in Leipzig aufmerksam zu machen. Der sollte nun genau am 4. Juni stattfinden und die wesentlichen Vorbereitungen liefen bei mir in der Wohnung ab. Offenbar hat die Stasi erst am Abend zuvor mitgekriegt, dass es bei mir läuft. Die Typen lagen dann also an bei mir im in der Straße im Waldstraßenviertel und haben mich überwacht. Und das kriegte ich recht schnell mit und hab dann in der Nacht vom 3. zum 4. Juni in meiner Dunkelkammer in der Wohnung gesessen, um eine Ausstellung für den nächsten Tag vorzubereiten. Früh morgens kamen im Deutschlandfunk die ersten Meldungen über die blutige Niederschlagung der Protest in China. Ich muss sagen, das war nicht ohne. Ich saß heimlich in meiner eigenen Wohnung – die Stasi vor der Tür. Und das war für mich persönlich die bedrohlichste Situation in dem ganzen Jahr.

Leipzig, August 1989. Katrin Hattenhauer organisiert mit Freunden das Leipziger Straßenmusikfestival – ohne eine Genehmigung von der Stadt erhalten zu haben.

Hattenhauer: Das Straßenmusikfestival war das tollste und erfolgreichste Erlebnis unserer Oppositionsbewegung. Wir wollten Politik in Bildern machen weil wir das für viel effektiver hielten als Flugblätter. Mit so einem Festival wollten wir die Leute erreichen, ohne dass sie erst seitenweise lesen müssen eh sie begreifen, was wir sagen wollen. Und wir wollten auch politisch nicht engagierte Leute erreichen, indem wir einfach eine fröhliche Lebensäußerung auf offener Straße darstellten. Musizieren – auch vollkommen unpolitisch – war auf der Straße nicht erlaubt und wir haben uns gefragt, warum das so ist. Und die Leute fanden es toll! Das Fest wurde allerdings sehr schnell und sehr brutal aufgelöst mit Hundertschaften der Polizei, die haben uns in LKWs abtransportiert. Aber wir haben erreicht, dass die Leipziger plötzlich merkten, in was für einem schrecklichen Land wir eigentlich lebten und dass man uns nicht mehr wie vorher als Kriminelle bezeichnete.

Leipzig, 4. September 1989. Menschenrechtler, Umweltgruppen, Gerechtigkeitskämpfer und Ausreisewillige treffen sich in der Nikolaikirche. Dagmar Völker, Katrin Hattenhauer und Tobias Hollitzer sind dabei, als die ersten Demonstrationen nach den Montagsgebeten auf dem Nikolaikirchhof beginnen.

Hollitzer: Ich selber habe nicht an Ausreise gedacht, aber aus meinem persönlichen Umfeld sind sehr, sehr viele, weggegangen und das wurde irgendwann unerträglich. Jeder ging weg. Diese Witze, die damals die Runde machten: „DDR – der dumme Rest“, oder „der letzte macht das Licht aus“, machten schon sehr deutlich, was hier passierte. Und was da nun auf dem Nikolaikirchhof und bei den Friedensgebeten passierte hat mich sehr gefreut – was sich da an Protestpotenzial entwickelte!

Völker: Wir waren erst ganz wenige, so 20 Leute, wirklich minimal. Damals habe ich meinen kleinen Sohn immer mitgenommen, weil ich ihm was da passierte im lebendigen Geschichtsunterricht zeigen wollte. Und ich wollte ihm auch die Stasileute zeigen. Die wohnten da nämlich und wurden immer ganz schnell zusammengerufen. Man konnte die erkennen: Es waren kraftvolle junge Männer, vielleicht nicht gerade in Lederjacken, aber schon so ein bestimmter Typ mit einer eindeutigen Körpersprache. Die mischten sich da immer mitten rein.

Hattenhauer: An diesem 4. September habe ich meine wichtigste Aktion gestartet. Mit Gesine Oltmanns habe ich ein Plakat gehalten auf dem stand: „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Das war eine riskante Aktion, die kaum einer wagen wollte. Es war Messemontag, die Stadt voller ausländischer Journalisten. Es herrschte Traurigkeit über die vielen Ausreisenden und Angst vor einer Eskalation. Gleichzeitig war dies der einzige Tag, an dem möglicherweise ein westdeutscher Journalist anwesend sein würde, der dieses Bild nach außen tragen konnte. Das war dann auch so. Das Bild war unter den 50 meistgesendeten Bildern im deutschen Fernsehen auf Platz zwei, zusammen mit den Bildern vom Mauerfall. Eine Woche später kam ich in den Knast. Die Anklage war riesig und es gab kaum ein Entrinnen. Es sah aus als gäbe das ein paar Jahre.

Leipzig, Oktober 1989. Immer mehr Menschen kommen zu den Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen. Nachdem am 7. Oktober der 40. Jahrestag der DDR offiziell gefeiert wird, sollen die Montagsdemonstrationen – wenn nötig mit Gewalt – eingedämmt werden.

Hollitzer: Vor dem 9. wurde ganz gezielt Panik verbreitet. Am 6. Oktober stand dieser berühmte als Leserbrief verbrämte Schießbefehl, die sozialistischen Errungenschaften notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, in der Leipziger Volkszeitung. Der sollte dazu führen, dass die Leute nicht demonstrieren gehen. Aber die meisten haben nur gedacht: „Jetzt spinnen sie völlig“. Und plötzlich haben Leute, die bislang unpolitisch waren oder dem System loyal gegenüberstanden gesagt, dass dies einen Schritt zu weit ging. Und so haben diese Drohungen massiv dazu geführt, dass so viele Leute genau anders reagiert haben als gedacht.

Leipzig, 9. Oktober. An diesem Tag erreichen die Montagsdemonstrationen ihren Höhepunkt. Katrin Hattenhauer sitzt zu diesem Zeitpunkt noch im Gefängnis in der Beethovenstraße.

Hattenhauer: Ich habe gar nichts mitbekommen von dem, was draußen lief. Mir wurde nur gesagt, dass, wenn die draußen schießen, ich die erste bin, die sie hier vor die Wand stellen werden. Von den Neuzugängen hörte ich nur per Alphabet: „Blumen und Kerzen vor der Nikolaikirche“. Und das konnte ja alles bedeuten. War das nun eine Beerdigung? Dann hörten wir im Knast starke Erschütterungen und dachten es seien Panzer – wir wussten ja nicht, dass das die Erschütterungen von 70.000 Leuten waren, die auf der Straße demonstrierten.

Völker: Wir hatten schon vormittags gehört, dass Blutkonserven in das St. Georgs Krankenhaus gebracht wurden und das Betten frei gemacht wurden. Wir wussten, dass das ganz dramatisch werden kann und es war aber natürlich auch klar, dass wir dahin mussten. Das war keine Frage. Ich habe meinen Sohn zu einer Freundin gebracht, die selber zwei Kinder hatte und auf keinen Fall mitwollte. Ich habe ihr gesagt, was sie machen soll, falls ich nicht wiederkomme. Und dann habe ich mir meine Turnschuhe rausgesucht und bin los. An dem Abend kam ich in die Nikolaikirche nicht rein, denn die war schon übervoll. Also bin ich in die Thomaskirche gegangen. Und da war die Stimmung wirklich zum Schneiden. Dann kam der „Aufruf der Sechs“ [von Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, Theologe Dr. Peter Zimmermann, Kabarettist Bernd-Lutz Lange, und die Sekretäre der SED-Bezirksleitung Leipzigs Dr. Kurt Meyer, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel], in dem die Aussage „keine Gewalt“ im Mittelpunkt stand. Dann ging es los. Wir waren ja selber natürlich auch überwältigt von diesen Massen und es gab so eine, ich möchte nicht sagen „Verbrüderung“, aber man hat diese Stimmung geteilt mit so vielen Menschen. Ich weiß noch wie das umkippte, dass diese Angst so einem Gefühl wich: „Da passiert jetzt was, das nicht mehr rückgängig zu machen ist“. Das weiß ich noch so genau, wie diese Stimmung umschlug. Weil wir so viele waren. Die konnten nur dasselbe machen wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens und das würden sie nicht tun, irgendwie war das klar. Eine Freundin hatte einen Blumenstrauß in der Hand und den drückte sie einem Fahrer der Wasserwerfer in die Hand. Und ich weiß noch, dass wir um den ganzen Ring herum marschiert sind und an dem Abend als ich dann irgendwann mal ganz spät zuhause war und meinen Sohn abgeholt hatte – ich habe immer das Pflaster meiner Stadt unter den Füßen gespürt. Ich habe mich vorher nie so identifiziert mit Leipzig wie zu diesem Zeitpunkt.

Hollitzer: Ich selber bin am 9. nicht dabei gewesen. Ich war in Wittenberg bei einer Veranstaltung. Aber wir sind ab Mittag überhaupt nicht mehr dazu gekommen, inhaltlich irgendwas zu machen, weil es nur um die Frage ging: „Was passiert heute in Leipzig?“ Und als dann klar war, dass die gelaufen sind und nichts passiert ist, das war einfach irre. Das war wirklich einfach irre.

Leipzig, 13. Oktober. Katrin Hattenhauer wird nach vier Wochen Haft wieder entlassen.

Hattenhauer: Als ich freigelassen wurde, wusste ich gar nicht, dass das überhaupt meine Freilassung war. Ich dachte, die verlegen mich. Als ich dann plötzlich draußen stand, bin ich einfach am Tor stehen geblieben. Es hätte ja auch wieder einer ihrer Tricks sein können, dass sie mir erst Hoffnung machen und mich dann nach ein paar Metern wieder einsammeln oder mich „auf der Flucht“ erschießen. Als ich begriff, dass ich wirklich gehen konnte, sagte ich zum Wachmann „auf Wiedersehen“, der nur noch zurückbrüllte: „Raus!“. An diesem Abend noch habe ich angefangen, Kunst zu machen, um das Erlebte zu verarbeiten.

Leipzig, Oktober bis November 1989. Die Leipziger demonstrieren weiter. Sie haben den Mut bekommen, ihre Meinungen und Wünsche offen zu äußern.

Hollitzer: Das einschneidendste und positivste Erlebnis im Herbst ‘89 war für mich, dass eine große Masse an Bevölkerung sowas von auf den Punkt begriff, was da grade abging, und derart scharfsinnig und friedlich regierte, wie man es selten sonst erlebt. Das hat mir den Glauben an die Menschheit ein Stück zurückgegeben.

Völker: Die vier Wochen zwischen dem 9. Oktober und dem 9. November haben was freigelegt, was vorher nicht zu spüren war: Da gab es zum Beispiel im Gewandhaus Gespräche, von Kurt Masur angeregt. Im gesamten Treppenhaus des Gewandhauses saß alles voll, wir hingen überall über dem Geländer und auf den Stufen. Und da lernte das Volk sprechen. Das war unglaublich. Dass Leute aus allen Schichten plötzlich anfingen zu sagen, was Sache war. Sie erzählten, was sie erlebt hatten, was sie sich wünschten, was sie für ein Gefühl hatten – was vorher undenkbar war. Es hatte bisher niemand frei gesprochen. Es war ja immer alles gelenkt oder nur mit Rücksicht oder halb verrenkt gewesen. Und das fand ich so faszinierend, wie da alle möglichen Leute spontan redeten.

Deutschland, 9. November 1989. Die Mauer fällt. An diesem Abend wird Katrin Hattenhauer 21 Jahre alt. Nach der Grenzöffnung beginnt für 17 Millionen DDR-Bürger ein neues Leben. Katrin Hattenhauer reist zunächst um die Welt, verwirklicht sich in ihrer Kunst und lässt sich schließlich in Berlin nieder. Dagmar Völker reist ebenfalls – immer wieder und soweit es geht – und macht eine Zusatzausbildung in der Psychoanalyse. Tobias Hollitzer kümmert sich um den Kampf gegen das Vergessen. Bis heute ist er im Museum in der „Runden Ecke“ aktiv und klärt in zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen über die Verbrechen der Stasi auf.

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