Riesa: Eine Kleinstadt der Superlative. Oder: Wie kommt das Loch in die Makkaroni?

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 17 (Okt/Nov/Dez 2009)

Wer „Riesa“ hört, denkt zuerst an Zwischenstopps auf der Bahnfahrt zwischen Dresden und Leipzig und vielleicht kommen einem noch Nudeln, Streichhölzer oder Stahlwerke in den Sinn. Die kleine Stadt an der Elbe hat aber noch viel mehr zu bieten.

Es ist ein schwül-heißer Sommertag in Riesa. Das versprochene Gewitter lässt auf sich warten und die Luft drückt, als ich aus dem Zug steige. Mein Plan: Riesa entdecken. Meine Hilfe und persönliche Touristenführerin Manuela Langer von der Riesa Information erwartet mich am Ausgang des Bahnhofs. Ihre Aufgabe: Mir Riesa zeigen. Wir steigen in ihren Kleinwagen und fahren los. Sie hat für den ganzen Tag einen Plan gemacht – und selbst der reiche nicht, um Riesa komplett kennen zu lernen, sagt sie. Eine Woche sei nötig. Ich denke mir erst einmal nichts dabei. Es kann ja so viel nicht sein. Bei 35.000 Einwohnern…

Los geht’s bei Riesas Ursprüngen. Der Sage nach durchschritt ein Riese die Elblandschaft, machte hier eine Pause und leerte Sand aus seinem Stiefel. Auf diesem Sandhaufen wurde die Stadt gebaut und nach dem Riesen benannt. Riesa war zum Zeitpunkt der Anerkennung im Jahre 1623 als Stadt ein Dorf von 300 Seelen. Damals kam es noch nicht so sehr auf die Einwohnerzahl an, die eine Stadt zu bieten haben muss, sondern vielmehr auf die Verdienste, die ihre Bewohner leisteten.

Die Geschichte Riesas mit ihrer Entwicklung von ihren geologischen Ursprüngen anhand von steinzeitlichen Ausgrabungen, über ihre Klostergründung im Jahre 1119, bis hin zur Zeit der Stahlindustrie ist im „Haus am Poppitzer Platz“ ausgestellt. Dies ist die erste Anlaufstelle für Besucher wie mich, die sich mit der Stadtgeschichte Riesas auseinandersetzen wollen. Das „Haus am Poppitzer Platz“ versteht sich als Haus der Kultur. Neben dem stadtgeschichtlichen Museum beherbergt es die Stadtbibliothek, eine Kinderbibliothek und zahlreiche Ausstellungs- und Veranstaltungsräume.

Im Jahr 2005 wurde das Haus und vor allem das Museum komplett neu strukturiert: Wo sich vorher Massen von Tonkrügen und anderem Anschauungsmaterial in langen Glasvitrinen aneinanderdrängten, wird der Besucher heute anhand von Schautafeln und ausgewählten Ausstellungsstücken wie Riesaer Zündwaren, Seife und ein 100 Jahre altes Klassenzimmer, in die Vergangenheit entführt. Ramona Geißler ist in der Forschungsabteilung des Museums beschäftigt und lebt seit einigen Jahren in Riesa. Ursprünglich kommt sie aus Trebsen bei Grimma, mittlerweile erklärt sie Riesa aber zu ihrer Heimat. Weil man hier so gut leben kann. In den letzten Jahren habe Riesa nämlich einen neuen Anstrich bekommen. Seither sei hier viel Farbe zu sehen, viele Grünflächen seien angelegt und viele der einst grauen und mit Schlaglöchern versehenen Plätze umgestaltet worden.

Auch die Kunst kommt nicht zu kurz: Künstlerisches Highlight in Riesa ist die „Elbquelle“ von Jörg Immendorf. Wer geografische Kenntnisse besitzt, weiß natürlich, dass die Elbe nicht in Riesa, sondern in Tschechien entspringt, doch das tut der berühmten Statue, die übrigens mit 25 Metern Höhe die größte (hier der erste Superlativ) Stahlskulptur Europas ist, keinen Abbruch. Ob sie nun „schön“ ist oder eher das Gegenteil, ist schwer zu sagen. Sie ist jedenfalls groß, auffällig und von vielen Stellen Riesas aus sichtbar.

Riesas Schmuckstück ist das Kloster mit seiner Klosterkirche und dem dazugehörigen Garten. Es ist übrigens das älteste (wieder ein Superlativ!) Kloster der Mark Meißen. Hier empfängt uns die Oberbürgermeisterin Gerti Töpfer. Auch sie ist zugezogene Riesaerin, lebt seit 34 Jahren hier und erkennt die Kleinstadt mittlerweile als ihre Heimat an. Als sie mit ihrem Studium fertig wurde, wurde sie ins Dresdner Land versetzt. Na, es wird schon nicht Riesa werden, dachte sie damals und – es wurde Riesa. Sie kam in eine Stadt, die von Industrie geprägt war: Schlote und Rauch machten das Stadtbild aus. Doch sie blieb. Bis heute.

Heute setzt sie sich stark für die Neukonstruktion des Klosterkomplexes ein. Stolz führt sie uns zuerst durch den Kapitelsaal, der zu Klosterzeiten das Lese- und Musizierzimmer der Nonnen war, zwischenzeitlich als Lagerhalle diente und in dem heute das Trauzimmer des Rathauses untergebracht ist. Im Nachbarflügel befindet sich das größte (Achtung: wieder einer!) Elbaquarium, welches seinen Besuchern die Elbe- und Auenlandschaften näher bringen soll. Viele graue Fische starren mich zunächst aus ausdrucklosen Augen an und ziehen dann desinteressiert weiter.

Im Klostergarten riecht es heute nicht mehr nach Kräutern, sondern nach Zoo – hier befindet sich nämlich der Tiergarten Riesas mit einheimischen Tierarten wie Füchsen, Rehen und Fasanen. Vor allem an den Wochenenden tummeln sich die Besucher aller Altersklassen zwischen den Gehegen. Im ehemaligen Wasserturm des Geländes hat der letzte (und wieder!) Röhrmeister Sachsens ein mittelalterliches Wassertransportsystem eingebaut. Eine willkommene Abkühlung auch für mich. Am liebsten würde ich meinen Kopf einmal unter diesen Wasserstrahl halten. Aber aus Höflichkeit meiner Gastgeber gegenüber begnüge ich mich mit feuchten Handgelenken.

Die Entwicklung Riesas als Touristenstadt ist noch sehr jung. Die Stahlindustrie vermachte der Stadt ein Bild, welches nicht unbedingt als touristisch attraktiv bezeichnet werden kann. Nach dem Zusammenbruch der Stahlwerke Anfang der Neunziger Jahre mussten neue Ideen her und Riesa baute auf Sport. Schon vor der Wiedervereinigung Deutschlands war Riesa eine Sportstadt und nach dem Bau der Erdgas-Arena – der größten (noch einer) Mehrzweckhalle Sachsens – im Jahr 1999 etablierte sie sich auch in Gesamtdeutschland. Die dicken Männlein vor der Halle sind übrigens Sumo-Ringer, die daran erinnern sollen, in dieser Halle die erste (!) Weltmeisterschaft im Sumo-Ringen außerhalb Japans stattgefunden hat.

Nach der Industrie und dem Sport kamen die Radwanderer. Riesa liegt direkt am Elberadweg und viele Durchreisende bevölkern die Kleinstadt. Diese perfekte Lage, so merkte man, musste man sich einfach zunutze machen. Die Radfahrer können in Riesas Fahrradgaragen ihre Räder samt Gepäck einschließen und die Stadt dann zu Fuß oder mit der kleinen Stadtbahn, dem „Stahlmax“, erkunden. Das Stadtzentrum Riesas ist nämlich nicht, wie man es von anderen mittelalterlichen Städtchen kennt, um einen Marktplatz geballt. Hier bildet die zweikilometerlange Hauptstraße das Zentrum der Stadt mit kleinen Geschäften, der Touristeninformation, kleinen Gaststätten und immer mit dem Blick auf die Stahlskulptur „Elbquelle“. Lebendig geht es hier zu: Alte und Junge schlendern gemütlich über die Straße und Kinder spielen Fangen – trotz der drückenden Hitze.

Auch kulturell gesehen ist Riesa alles andere als kleinstädtisch: Die Elblandphilharmonie hat ihren Sitz im Stadtteil Gröba auf der anderen Seite des Hafens – übrigens der zweitgrößte (…) Binnenhafen Ostdeutschlands nach Magdeburg. Geografisch inmitten der Weltorchester, also zwischen dem Gewandhaus in Leipzig und der Semperoper in Dresden gelegen, muss sich die Riesaer Philharmonie behaupten. Und das schafft sie laut Dr. Christoph Dittrich, dem Geschäftsführer der Neuen Elbland Philharmonie Sachsen, sehr gut. Mit einer Mischung aus Klassik und Unterhaltungsmusik spricht sie Musikliebhaber aller möglichen Sparten an. Die Nachbarschaft zu Dresden und Leipzig sei den Riesaern – so Dittrich wörtlich – ein motivierender Stachel im Fleisch und daher sei Ausruhen nicht möglich.

Touristisches Highlight Riesas ist sicherlich die Nudelfabrik der Riesaer Teigwaren. Aus den ehemaligen GEG-Betrieben, die auch die Zündwarenfabrik und die Seifenfabrik beherbergten, erlangten die Riesaer Nudeln nach der Wende auch in Westdeutschland Berühmtheit. Vor dem alten Gemäuer stehen zahlreiche Reisebusse, die in regelmäßigen Abständen große Rentnergruppen ausschütten, die sich in das Abendteuer Nudelproduktion begeben. Ich mache natürlich auch mit. Schließlich, so vermuten einige Riesaer, kämen die ältesten (Achtung, schon wieder einer…) Nudeln aus Sachsen. Ob das aber stimmt, mag nicht mal Gundula Bleul aus der Marketingabteilung der Riesaer Teigwaren bestätigen. Sie vermutet den Ursprung der Nudel doch eher in Südeuropa.

Ich schließe mich einer Gruppe Besucher an. Wir werden in weiße Kittel gesteckt und mit Hauben auf dem Kopf bekleidet. So schick verkleidet schleust René Quantt, seines Zeichens Besucherführer, Hausmeister und Springer, seine Gruppe durch die Hallen. Heiß ist es hier. Noch heißer als draußen. Ich schwitze und der Lärm ist grenzwertig. Trotzdem will ich wissen, wie das Loch in die Makkaroni kommt und halte durch. Das zu erklären, würde hier den Rahmen sprengen. Soviel sei aber verraten: Sieben Stunden dauert es, bis so eine Portion Makkaroni fertig und gehärtet ist. Gegessen ist sie dann innerhalb von 10 Minuten.

Mein Tag in Riesa geht zu Ende. Müde und mit vielen Eindrücken beladen mache ich mich zurück auf den Weg nach Leipzig. Trotzdem ist mein Vorurteil, nur in der Großstadt könne man den Puls der Zeit erleben, widerlegt. Riesa ist zwar klein, durchaus aber konkurrenzfähig und mit Sicherheit die schönste Stadt nördlich des Äquators, die auf dem hinterlassenen Sandhaufen eines durchreisenden Riesen gebaut wurde.

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