Die Bücherklinik: Restauration der Weimarer Aschebücher

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 18 (Jan/Feb/März 2010)

In jener Nacht – mit der so vieles begann und so vieles sich für alle Zeit änderte – lag eins von Meggies Lieblingsbüchern unter ihrem Kissen, und als der Regen sie nicht schlafen ließ, setzte sie sich auf, rieb sich die Müdigkeit aus den Augen und zog das Buch unter dem Kissen hervor. Die Seiten raschelten verheißungsvoll, als sie es aufschlug. Meggie fand, dass dieses erste Flüstern bei jedem Buch etwas anders klang, je nachdem, ob sie schon wusste, was es ihr erzählen würde, oder nicht. Aber jetzt musste erst einmal Licht her. In der Schublade ihres Nachttisches hatte sie eine Schachtel Streichhölzer versteckt. Mo hatte ihr verboten, nachts Kerzen anzuzünden. Er mochte kein Feuer. „Feuer frisst Bücher“, sagte er immer. (Cornelia Funke, Tintenherz)

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Ein „Weimarer Aschebuch“, das noch auf seine Restauration wartet, Foto: Stefanie Becker

Matthias Hageböck wird nachts aus dem Schlaf gerissen. Es brennt in der Anna Amalia Bibliothek. Das Dach steht in Flammen, darunter jahrhundertealte Schätze, Zeugnisse der Weimarer Klassik, mittelalterliche Buchhandschriften und andere Exemplare, deren Einzigartigkeit nicht zu schätzen ist. Matthias Hageböck versucht noch während der Dachstuhl brennt, so viele der Bücher und Gemälde zu retten wie möglich. Bücherretten ist sein Job. Matthias Hageböck ist Chefbuchrestaurator. „Es war schon dramatisch zu sehen, wie die ganze Arbeit der letzten Jahre in Flammen aufgeht. Irgendwann wurde die Geräuschkulisse unerträglich und schließlich fielen dann auch die Balken um uns herum von der Decke, dass die Feuerwehr und nach draußen schickte. Erst von dort aus sahen wir dann, wie groß das Feuer eigentlich war.“ Die Feuerwehr kann das Feuer im oberen Stock des Rokoko-Saales stoppen. Der untere Teil wird jedoch von Löschwasser überschwemmt. Insgesamt fallen 50.000 Bücher dem Brand zum Opfer, weitere 50.000 können gerettet werden. Etwa 62.000 Bücher werden durch den Brand und das Löschwasser stark beschädigt. Die Restaurierungsmaßnahmen sind noch bis heute – neun Jahre nach dem Brand – in vollem Gange. Ein Teil der Bücher wird aus anderen Bibliotheken ersetzt, andere werden wieder hergestellt.

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Eine Mitarbeiterin kleistert dünnes Japanpapier auf die beschädigten Buchseiten, Foto: Stefanie Becker

Im Weimarer Stadtteil Legefeld wurde 2008 eine eigene Spezialwerkstatt eingerichtet, die sich mit der Rettung von etwa 8000 „Weimarer Aschebüchern“ beschäftigt. In einem Lagerraum stapeln sich die grauen Kisten mit den Überresten der Bücher. Die Einbände fehlen oft ganz und auch die vorderen und hinteren Seiten sind fast vollständig verkohlt. Die Innenteile sind zum Teil aber noch gut erhalten. „Überall da, wo kein Sauerstoff hinkam, sind die Seiten verschont geblieben, so ist der Satzspiegel noch intakt. Die Seitenränder sind zum Teil komplett zu Asche zerfallen – und genau hier befanden sich wertvolle Handschriften und Anmerkungen, die die Bücher so einzigartig machten“, erklärt Werkstattleiter Günter Müller. Er entwickelte hierfür ein komplett neues Verfahren, welches sich auf die Mengenrestauration verbrannter Bücher spezialisiert hat. „Wir schaffen hier am Tag etwa 100.000 Blatt Papier zu restaurieren. Mit herkömmlichen Verfahren würde es viel länger dauern und wäre unbezahlbar.“

Der Kern des neuen Restaurationsverfahrens ist ein Kassettensystem, in welches die zerstörten Seiten eingelegt werden – eine Kompressionskassette, für die die Klassik-Stiftung Weimar sogar die Patentrechte erhalten hat. Die verschraubten Kassetten werden in warmes Wasser getaucht, um Schmutz und Asche auszuwaschen. Die nassen Seiten werden in ein Wasserbecken getaucht, in dem flüssiges Papier zur alten Buchseite hinzu geführt wird. Ein dünnes Japanpapier, welches darüber gekleistert wird, soll abschließend als Brücke dienen, der das alte und das neuen Papier zusammenhalten soll. Nach der Pressung ist die Buchseite fertig. Da bei vielen Büchern nicht mehr erkennbar ist, um welches literarische Werk es sich handelt, werden die Seiten dokumentiert und ins Internet gestellt – in der Hoffnung, dass interessierte Forscher das eine oder andere Buch wiedererkennen und die fehlenden Seiten durch Digitalisate aus anderen Bibliotheken ersetzt werden können.

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Günter Müller inspiziert ein restauriertes Exemplar, Foto: Stefanie Becker

In der Legefelder Papierrestaurierung arbeiten außer Müller noch sechs weitere Mitarbeiter aus ganz Europa, unter ihnen Restaurateure, Buchbinder und Bibliothekare, in einem Zweischichtsystem, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Bücher zu reparieren. Sie vereint die Leidenschaft zum Handwerk, zum Papier – und natürlich auch zu den Büchern. Die Wiederherstellung ist hier allerdings oberste Priorität. „Wir wollen die Originalsubstanz erhalten“, betont Günter Müller. „Eine historische Wiederherstellung mit alt aussehenden Buchdeckeln wäre reine Kosmetik. Das ist Kitsch oder Nostalgie und das wollen wir nicht.“ So bekommen die restaurierten Bücher einen stabilen Einband aus grauem, hartem Karton – und in die historischen Räume werden diese Bücher sicher nicht zurückkommen. Denn auch nach der Restauration sind die Seiten noch stark anfällig und brauchen wohl temperierte Räume mit einer bestimmten Menge an Luftfeuchtigkeit. „Wenn es zu warm oder zu trocken würde, würde sich das Papier verformen oder absplittern. Eine optimale Lagerung ist absolut notwendig, denn hexen können wir auch nicht“, beteuert Müller.

Wo allerdings noch alte Einbände erhalten sind, werden auch diese restauriert. Viele der Bücher haben Löschwasserschäden, die Einbände sind hart und verklebt, die Buchdeckel lassen sich kaum noch heben. Dafür gibt es im Haupthaus der Anna Amalia Bibliothek eine kleine Werkstatt. Hier werden Methoden entwickelt, die seit dem Brand etwa 34.000 Einbände wieder benutzbar machen konnten. Auch hier keine Kosmetik, erläutert Matthias Hageböck. „Wir arbeiten mit Spendengeldern, die wollen und dürfen wir nicht einfach zum Fenster rauswerfen. Die Bücher sollen am Ende wieder zu benutzen und vor allem digitalisierbar sein.“ Hierfür arbeitet die Weimarer Klassik Stiftung mit 34 externen Werkstätten zusammen. „Die bekommen von uns eine haarkleine Auflistung darüber, was wie zu machen ist. Wir wollen schließlich ein möglichst einheitliches Ergebnis.“ Er erinnert sich noch an den Morgen nach der Brandnacht. „Ich bin dann hier durch die verkohlten Berge gestapft und habe einen alten Schatz gefunden –ein Buch mit einem zum Teil vergoldetem Einband. Der war zuerst weich wie Gummi, wurde dann ganz hart und ist schließlich zerbrochen.“ Die Scherben bewahrt er in einer kleinen Pappschachtel in seinem Büro auf. Retten werden sie diesen Einband werden wohl nicht mehr können.

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Restauration eines beschädigten Bucheinbandes, Foto: Stefanie Becker

Bei all dem Schaden, den der Brand vor neun Jahren angerichtet hat, erfreut sich die Anna Amalia Bibliothek seither an einem großen Imagegewinn. Besucherzahlen strömen durch das Haus, der Rokokosaal ist schon Monate im Voraus ausgebucht. Die Medien überrennen die Bibliothek förmlich. „Der Brand war sozusagen ein Identifikationspunkt für die Deutschen“, fasst Hageböck zusammen. Es war ein bisschen so, als hätten die Leute nach etwas gesucht, was sie als ihren kulturellen Mittelpunkt gestalten konnten. Und der Brand einer vorher fast unbekannten Bibliothek mit alten Schätzen kam gerade recht. Die Lage hier zwischen dem Goethehaus und dem Ettersberg mit dem Mahnmal Buchenwald, machte das Setting dann noch perfekt.“ Dennoch ist Hageböck sehr zufrieden mit der Arbeit nach dem Brand. Denn der Rokokosaal ist heute schöner als vorher und die Restaurateure können bereits Halbzeit vermelden: Bis 2015 sollen die Einbände wieder hergestellt sein. Die Bücherklinik Papierrestauration wird vermutlich noch etwas länger brauchen.