Die Plattenpresser: Musik plus Vinyl gleich Artwork

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 20 (Jul/Aug/Sep 2010)

„Platten sammeln ist nicht wie Briefmarken oder Bierdeckel oder antike Fingerhüte sammeln. Da steckt eine ganze Welt drin, eine schönere, schmutzigere, gewalttätigere, friedlichere, farbenfrohere, schlüpfrigere, gemeinere und liebevollere Welt als die, in der ich lebe. Da gibt es Geschichte und Geographie und Poesie und zahllose andere Dinge, die ich in der Schule hätte lernen sollen, einschließlich Musik.“ (Nick Hornby, High Fidelity)

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Hier entsteht Vinylkunst: Bei R.A.N.D. Muzik in Leipzig. Foto: Stefanie Becker

Warm ist es im Presswerk von R.A.N.D. Muzik, die vier Plattenpressen arbeiten mit gleichmäßig monotonem Getöse vor sich hin. In den Regalen stapeln sich die Platten – schwarze glänzende Scheiben. Und immer mehr von diesen runden Dingern werden von den Maschinen ausgespuckt. „Rund zweieinhalb bis dreitausend Platten werden hier pro Tag gepresst“, erklärt Andreas Wohmann, ein Freiberufler, der bei R.A.N.D Muzik an allen Fronten aushilft. Ganz schön viel für ein Nostalgieprodukt, dem das Ende schon vorausgesagt wurde. Als in den Achtzigern die CD aufkam und die LP ablösen wollte, trotzten die Gründer von R.A.N.D. Muzik dem Trend und beschlossen, eben jene Platten herzustellen, die von da an eher als aussterbendes Nischenprodukt gesehen wurden.

Bei Gunnar Heuschkel und Jan Freund, den beiden Chefs der Plattenmanufaktur war es die perfekte Verbindung von Hobby und Beruf. Wirklich weg war sie schließlich nie, die LP. Auf Technopartys wurde sie zum „scratchen“ und „mixen“ umfunktioniert und bescherten der LP ein zweites Leben. Auch die studierten Maschinenbauer legten schon Anfang der Neunziger als DJs auf. „Wir fanden schon immer, dass die Schallplatte das tollste Produkt schlechthin ist – und wir haben schon damals die aufstrebenden Technopartys mit Musik versorgt“, erinnert sich Gunnar.

Der Sprung vom Maschinenbauer und Hobby-DJ zum Plattenpresser gestaltete sich natürlich nicht einfach, denn Plattenpresser ist kein Beruf, den man lernen kann. Das Wissen wird an der Maschine von Person zu Person vermittelt. Alle Mitarbeiter sind Quereinsteiger und auch die Chefs mussten sich die Arbeit an den Pressmaschinen erst mühsam aneignen. Aber – die Mühe hat sich gelohnt. Die Kundschaft von R.A.N.D. Muzik reicht über die ganze Welt: USA, Polen, Singapur, Japan und natürlich auch Deutschland. „In den Clubs legen DJs ihre Musik auf Vinyl auf. Dann lassen kleine Elektro-Labels oder einzelne Punk Bands ihre Musik auf Schallplatte pressen, oder auch Privatleute und Hobbymusiker, die ihre Stücke gern auf Platte haben wollen“, zählt Andreas auf.

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Eine von rund 3000 Platten am Tag, Foto: Stefanie Becker

Die Jungs aus Reudnitz schaffen dabei sogar kleine Kunstwerke – denn nicht nur die Musik auf den LPs ist Kunst, sondern auch die Gestaltung kann meisterhaft sein. Andreas Wohmann hat Industriedesign studiert und ist im Künstlerkollektiv Tatuet vertreten. Die Zusammenarbeit zwischen den Grafikern von Tatuet und den Plattenmachern von R.A.N.D. Muzik ist fruchtbar. „Eine Vinylplatte ist ein Gesamtkunstwerk aus Musik und Artwork“, formuliert Andreas und meint damit die Möglichkeit, etwas Besonderes aus den neuen alten Platten zu machen.

Andreas selbst ist ebenfalls leidenschaftlicher Vinylhörer. Bei einer Schallplatte habe man schließlich was in der Hand – so eine LP wiegt um die 140 Gramm. Das Gewicht, die Optik, die Haptik, all das führe laut Andreas zu einem komplett anderen Musikkonsum als es bei der CD oder der mp3 der Fall sein kann. „Eine Schallplatte kann man nicht einfach so konsumieren. Das hat was Ausgesuchtes, das vorsichtige Aufpassen, dass der Arm beim Auflegen nicht über die Platte rutscht, das Umdrehen der Platte nach 19 Minuten. Das ist schon eine Prozedur, in der sehr viel Feierlichkeit steckt“.