Schausteller: Ein Leben auf der Reise

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 22 (Jan/Feb/März 2011)

Die Leipziger Kleinmesse verführt drei Mal im Jahr kleines und großes Publikum – und das seit über 100 Jahren. Was für den Besucher ein besonderes Highlight ist, ist für die Schausteller Lebensalltag zwischen Reise und Schulwechseln, Wohnwagen und Bildung auf Rädern.

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Riesenrad auf der Leipziger Kleinmesse, Foto: Stefanie Becker

Die Lichter blinken, die Beats der Charts dröhnen aus den Boxen und eine Stimme preist Lose an – zu gewinnen gibt es Kuscheltiere, Stereoanlagen und andere Kinkerlitzchen, die man nicht braucht, aber auf einmal unbedingt haben will. Eine Ecke weiter: Der Musik-Express. Schreie der Begeisterung gellen aus dem künstlichen Nebel. Auch hier eine Stimme aus dem Nichts, die den jungen Leuten auf den Sitzen wieder und wieder einheizt – eine Runde noch. Und noch eine. Und rückwärts. An einer anderen Ecke, bedrohlich um sich schauend und laut grölend, steht King Kong. Langsam dreht er seinen schweren Kopf von links nach rechts.

An King Kong muss man vorbei, um zu Fred Hofmanns „Action World“ zu gelangen. Fred Hofmann ist Schausteller – schon in der sechsten Generation – und zweiter Vorsitzender des Leipziger Schaustellervereins. Sein Leben ist ein Leben „auf der Reise“, wie er es nennt. Ein Leben im zwölf Meter langen Wohnwagen, seinem Zuhause für mindestens neun Monate im Jahr. Ein Leben, das bestimmt ist durch Ortswechsel, seit er denken kann. Über hundert Schulen habe er besucht, erzählt er. Meistens nur für wenige Tage, dann ging es weiter – in die nächste Stadt, auf die nächste Kirmes, zum nächsten Weihnachtsmarkt, in die nächste Schule. Zur Ruhe kommt er nur im Winter – da wartet das Haus der Familie in Eisenach. Aber auch hier denkt er schon an die nächste Reise: Neue Attraktionen planen, die Top-Plätze für die nächste Saison sichern, die Buchführung erledigen.

Seine Frau Eva Maria hat er auf der Reise kennen gelernt. Schon als Kinder waren sie oft zusammen unterwegs. Auch Eva Maria ist Schaustellerin seit der sechsten Generation. Im Gegensatz zu vielen anderen Schaustellern hat sie allerdings vier Jahre an einem festen Wohnsitz hinter sich um ihr Abtur weit weg von der Familie auf einem Internat zu machen. Wobei sie jedes Wochenende hinter ihrer Familie hergereist ist, um am Puls der Kleinmessen und Kirmessen zu sein. Sie kann sich ein Leben an einem festen Ort gar nicht vorstellen. „Ich freue mich immer auf die paar Monate in unserem Haus in Eisenach – aber wenn dann die ersten Sonnenstrahlen kommen, muss ich wieder raus“. Sogar auf Ihr Studium verzichtete sie, als sie sich in ihren Fred verliebte und beschloss, mit ihm auf der Reise zu bleiben.

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Ein Irrhaus (nicht Irrenhaus!) in der Villa Kunterbunt, Foto: Stefanie Becker

Die Kinder der Hofmanns sind ebenfalls Schausteller und auch die Zukunft der Enkel ist schon vorgezeichnet – Klar, auch sie werden ihr Leben auf der Reise verbringen. „Sie sollen zuerst einen richtigen Beruf erlernen und danach – klar – übernehmen sie ein Schaustellergeschäft“, erzählen die Hofmanns nicht ohne Stolz. Die Schulzeit der Schaustellerkinder ist abenteuerlich und nicht immer leicht. 20 bis 30 Mal pro Jahr wechseln sie die Schulen. Was zu DDR-Zeiten wegen des einheitliches Lehrplans noch relativ problemlos war, ist heute weitaus komplizierter: Die Schulbildung ist Ländersache und die Kinder müssen sich immer wieder schnell in den neuen Stoff einarbeiten. Ein Reiselehrer betreut die Schaustellerkinder und gibt jeden Tag von 14.00-18.00 Uhr Unterricht und bringt die Kinder auf den neuesten Stand. „Unsere Kinder müssen eine schnelle Auffassungsgabe haben und besonders aufgeweckt sein“, erzählt Fred Hofmann.

Die Ladie’s Night an der Leipziger Kleinmesse wird ausgerufen, der Tumult an Hofmannschen Stand beginnt und eine der Enkelinnen kommt zu Hofmanns „Action World“ gelaufen – ihre Freundinnen im Schlepptau. Rechenkönigin sei sie geworden, erzählt sie stolz und schon rennt sie weiter, die Freundinnen hinterher.

 

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