Von Beruf Meerjungfrau: Oben Mensch, unten Flosse

Veröffentlicht bei SPIEGEL ONLINE am 16.02.2015

Sie war eine Krankenschwester mit Burn-out. Jetzt ist sie Profi-Nixe. Sabine Schönborn lernt im Schwimmbad neue Meerjungfrauen an. Mit Glitterbikini und Funkelflosse verdient sie so viel wie nie.

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Nixen tummeln sich im Freizeitbad, Foto: Stefanie Becker

Früher trug Sabine Schönborn, 34, bei der Arbeit einen weißen Kittel und Gesundheitsclogs. Acht Stunden Dienst, oft in Wechselschichten, dann schleppte sie sich müde nach Hause. Das war einmal. Heute braucht die gelernte Krankenschwester im Job Bikini und Flossen. Beruf: Meerjungfrau.

Gibt’s doch gar nicht? Und ob. Nach einem Burn-out tauchte Schönborn zunächst für sechs Monate ab und dann als Nixe wieder auf. Nun tummelt sie sich wöchentlich 30 Stunden im Wasser – und bringt kleinen verträumten Arielles das Schwimmen bei.

Ein Freizeitbad nahe Leipzig: Sabine Schönborn zwängt ihre Füße in eine blau-lila schillernde Schwimmflosse und zieht das Schuppenkleid wie Leggings bis zum Bauchnabel hoch. Im blonden Haar stecken lila Plastikblumen, das Gesicht ist dezent geschminkt. Das gehört zum Outfit: Meerjungfrauen müssen hübsch aussehen. Vor Kursbeginn hat sie sich noch eine dicke Schicht Haarspray ins Gesicht gesprüht. So wird das Make-up wasserfest.

Die Nixe gleitet ins Wasser, macht ihren Körper ganz lang, streckt die Arme, taucht in die Tiefe. Elegant sieht das aus. Die Blume im Haar ist nur noch ein Schatten, die Schuppen ihres Schwanzes glitzern im Wasser. Die lange Flosse schwingt auf und ab. „Mermaiding ist für mich wie Schweben“, schwärmt Schönborn. „Abtauchen, einfach genießen!“ Bevor sie sich in ein Fabelwesen verwandelte, hat sie sich oft nach Ruhe gesehnt. 16 Jahre lang arbeitete sie in einer psychiatrischen Klinik, bis sie mit Burn-out zusammenklappte. Nach der Therapie sagte sie: „Da will ich nie wieder hin.“ Doch was tun?

Als junge Frau hatte Schönborn nebenberuflich Babyschwimmkurse gegeben. Könnte die Vergangenheit vielleicht die Zukunft sein? „Mit den Kleinen haben wir regelmäßig Fotoshootings in lustigen Kostümen gemacht. Die größeren Geschwister quengelten, sie wollten auch solche Bilder haben“, erinnert sich die Trainerin. Sie surfte im Internet, entdeckte Kostüme für Meerjungfrauen. Und ging sofort shoppen. Am Ende lagen 20 Flossen in vier Farben und drei Größen im Warenkorb. Sie überlegte nicht lange und drückte auf den Kauf-Button.

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Trocknende Meerjungfrauenflossen, Foto: Stefanie Becker

 1500 Euro, das war ihr Startkapital. Vor acht Monaten gründete sie ihre Meerjungfrauenschule, probte zunächst mit ihren Töchtern im nahen Schwimmbad und lernte ihre erste Lektion: Nixe sein ist nicht leicht. Der farbenfrohe Fischschwanz – eine Monoflosse, die sonst nur Taucher benutzen – saugte sich mit Wasser voll. Mit einem Vier-Kilo-Klotz am Bein und verschnürten Füßen rauschte sie ab in die Tiefe.

Jetzt sitzt Praktikantin Johanna, 18, in voller Meerjungfrauenmontur am Beckenrand und erklärt: „Ihr streckt die Arme nach vorn und schwimmt in gleichmäßigen Wellenbewegungen – wie ein Delfin.“ Zehn Mädchen lauschen gespannt. „Zuerst zieht es einen runter. Man braucht viel Kraft. Aber je länger man die Flosse trägt, desto besser funktioniert es.“ Nach zwanzig Minuten haben die Meerjungfrauenmädels die wichtigsten Bewegungen gelernt.

Luisa, 11, kommt aus Nordrhein-Westfalen, heute hat sie ihre erste Nixenstunde. Passend zur grünen Flosse trägt sie grünen Lidschatten und eine grüne Blume im Haar. Unsicher klammert sie sich am Beckenrand fest. Es ist ungewohnt, die Beine nicht öffnen zu können. Im Fernsehen hat sie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ und „Arielle“ gesehen. „So wie die will ich mich auch im Wasser drehen.“ Schrauben, Purzelbäume, Rückwärtssalti. Ihre Mutter Kathrin ist mitgekommen und planscht mit einem rot-goldenen Fischschwanz im Wasser: „Das hat was Mystisches, Unwirkliches. So ganz fern vom Alltag.“

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Mermaid Bine, Foto: Stefanie Becker

Neben dem Becken versammeln sich Neugierige. Eine junge Mutter und ihre kleine Tochter nehmen einen Flyer mit. „Die kommen wahrscheinlich bald wieder“, sagt Schönborn. Inzwischen bietet sie 15 Mermaiding-Kurse in sieben Schwimmbädern in Sachsen und Berlin an, hat schon tausend Mädchen in Meerjungfrauen verwandelt.

Die Idee hat sie nicht exklusiv, inzwischen gibt es Nixenkurse in etlichen großen und kleinen Städten. Das Geschäft floriert: Bis zu 210 Meerjungfrauen trainiert Schönborn jede Woche, meist kleine Mädchen. Manchmal springen auch Väter in einem türkisgrünen Meermannkostüm ins Wasser. Einmal war sogar eine Oma dabei.

Den Spaß lassen sich ihre Kunden etwas kosten: ab 15 Euro pro Stunde, plus Flossenleihgebühr. „Als Meerjungfrau verdiene ich mehr, als ich es mir zu meiner Zeit als Krankenschwester je hätte träumen lassen“, sagt Schönborn. Und weil immer mehr Bäder ihre Kurse buchen wollen, expandiert sie gerade, hat 40 weitere Flossen gekauft und bildet zwei Trainerinnen aus.

Nixen träumen gern. Auch Sabine Schönborn hat viele Wünsche: Sie möchte einen überregionalen Meerjungfrauenklub gründen, eigene Flossen entwerfen, Meisterschaften und Miss-Meerjungfrau-Wahlen veranstalten. „Und ich wünsche mir eine eigene Schwimmhalle.“

Mermaid Bine, so heißt Schönborn bei ihren Freunden. Niemand von ihnen hätte je gedacht, dass man mit Kindheitsträumen Karriere macht.

 

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Drei Meerjungfrauen. Nixentrainerin Sabine Schönborn ist ganz rechts im Bild, Foto: Stefanie Becker

 

Trendsport Mermaiding: Faszination Meerjungfrau

Veröffentlicht am 03.02.2015 im DEUTSCHLANDFUNK KULTUR KOMPRESSOR

In den USA war Mermaiding, also das Schwimmen mit einer künstlichen Meerjungfrauen-Flosse, schon seit dem Film „Splash“ 1984 trendy. Doch seit Serien wie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ über die Bildschirme flimmern, grassiert auch hierzulande das Nixenfieber.

Sabine Schönborn: „Wir versuchen jetzt, ein Stück zu tauchen. Wenn die Luft nicht mehr reicht, kommt ihr einfach wieder hoch. Dann auf die Plätze, fertig, los!“

Es ist ein ungewöhnlicher Anblick, hier im Tieftauchbecken eines Freizeitbades in der Nähe von Leipzig: 14 Mädchen mit großen, bunten Fischflossen gleiten durch das Wasser. Sie tauchen in die Tiefe, drehen sich elegant um sich selbst. Woche für Woche lässt auch Elisabeth sich vom Nixenfieber fesseln.

Elisabeth: „Also ich muss die Flosse, da muss ich den Stoff runterkrempeln, bis ich an die Füße, also wo die Füße reingesteckt werden, und dann muss ich da mit den Füßen rein und dann muss ich den Stoff wieder drüber ziehen und dann fühlt man sich halt, wie wenn man mit Seilen gefesselt ist. Ist aber cool.“

Die Hauptrolle spielt hier die sogenannte Monoflosse, eine Schwimmflosse, die über beide Füße gestülpt wird. Ein daran angenähter Schlauch aus buntem Bikini-Stoff imitiert den Fischschwanz. Geschwommen wird dann im Delphin-Stil – eben wie eine echte Meerjungfrau.

Seit die Trainerin Sabine Schönborn vor knapp zehn Monaten ihre Meerjungfrauenschule eröffnet hat, kann sie sich vor Anfragen kaum retten. Filme und Serien wie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ oder Disneys „Arielle“ haben eine Faszination ausgelöst.

Caretta: „Das Schöne war ja an ihr, dass sie so zwei Welten hatte, oder eigentlich so eine ganz andere Welt und die auch so ganz anders war als unsere. Das fand ich immer spannend.“

Luisa: „Das Tolle daran ist, wie die Meerjungfrauen sich unter Wasser bewegen, diese ganzen Drehungen, die sie machen. Das will ich auch ausprobieren.“

Jessica: „Weil das eben so Fantasiewesen sind, weil es die nicht in Echt gibt und es ist schön, sich in die Figur einzuleben.“

Das Kostüm, das Make-up, die Blumen im Haar. Das Styling sitzt. Und dann wird geschwommen: Die Arme sind nach vorn gestreckt, die Flossen schlagen auf und ab.

Das Mermaiding, also Schwimmen mit Nixenflosse, gibt es seit 1984, nachdem der Meerjungfrauen-Film „Splash“ in den Kinos lief und der Kostümmacher des Films die Fischschwänze auch für den privaten Gebrauch anfertigte. In Deutschland ist der Trendsport noch recht neu: Meerjungfrauenschulen gibt es in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Berlin. Und die Nachfrage wächst.

Wesen zwischen biederer Romantik und unnahbarer Erotik

Was fasziniert Mädchen und Frauen aller Altersstufen an dem mythischen Wesen Meerjungfrau? Die Beine in einem Fischleib, damit unten herum geschlechtslos, den Oberkörper dagegen fast nackt – ein Wesen zwischen biederer Romantik und unnahbarer Erotik?

Das Performance-Duo Koikate hat in dem Theaterstück „Ich bin viele“ eben das eigenartige Rollenbild der Meerjungfrau unter die Lupe genommen. Koikate-Performer Sebastian K. König:

„Letzten Endes ist das eine moderne Prinzessinnen-Variante, die statt hübschen Schuhen einen Fischschwanz hat. Und dabei ein Weiblichkeitsmodell verkörpert, dass sehr merkwürdig unzeitgemäß ist. Reduziert gesagt ist es eine Frau, die zwar einen eigenen Antrieb, nämlich diese fette Flosse hat, aber trotzdem auf Hilfe und auf Rettung angewiesen ist.“

Die Mädchen und Frauen hier im Kurs machen sich über das Rollenbild der Meerjungfrauen allerdings keine Gedanken, sie warten nicht auf Rettung, sondern sie wollen für ein paar Stunden in der Woche mal raus aus der Hose und rein in die Flosse. Für sie zählt das Märchenhafte, die Eleganz – und der sportliche Aspekt.

Denn was leicht und schwerelos aussieht, kostet viel Kraft. Johanna ist schon seit einigen Wochen dabei und erinnert sich noch gut an ihre ersten Schwimmversuche.

„Es ist im ersten Moment ziemlich schwer. Man denkt wirklich, man geht erstmal unter, aber je länger man die Flosse trägt, desto besser funktioniert es, denn man hält sich auch besser über Wasser und hat so verschiedene Techniken, die man dann einfach anwendet mit seinen Armen oder man braucht halt wirklich viel Kraft im Oberkörper.“

Nach einer Stunde Schwimmen und Tauchen sind die Meerjungfrauen erschöpft und müde. Die elfjährige Jessica freut sich, dass sie sich am Ende der Stunde wieder in ein ganz normales Mädchen zurückverwandeln kann – ohne dass ein Prinz sie erretten muss:

„Wenn man dann doch ein bisschen länger drin ist, tut das ein bisschen weh und dann am Ende ist das doch schön, wenn man die dann wieder aushat, weil man muss ja die ganze Zeit die Beine so zusammendrücken und das ist total toll jetzt ohne Flosse erstmal.“

Für einen zeitgemäßen Umgang mit den alten Geschlechterbildern spricht, dass bei Trainerin Sabine Schönborn auch schon Jungs Kurse belegt haben.