Trendsport Mermaiding: Faszination Meerjungfrau

Veröffentlicht am 03.02.2015 im DEUTSCHLANDFUNK KULTUR KOMPRESSOR

In den USA war Mermaiding, also das Schwimmen mit einer künstlichen Meerjungfrauen-Flosse, schon seit dem Film „Splash“ 1984 trendy. Doch seit Serien wie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ über die Bildschirme flimmern, grassiert auch hierzulande das Nixenfieber.

Sabine Schönborn: „Wir versuchen jetzt, ein Stück zu tauchen. Wenn die Luft nicht mehr reicht, kommt ihr einfach wieder hoch. Dann auf die Plätze, fertig, los!“

Es ist ein ungewöhnlicher Anblick, hier im Tieftauchbecken eines Freizeitbades in der Nähe von Leipzig: 14 Mädchen mit großen, bunten Fischflossen gleiten durch das Wasser. Sie tauchen in die Tiefe, drehen sich elegant um sich selbst. Woche für Woche lässt auch Elisabeth sich vom Nixenfieber fesseln.

Elisabeth: „Also ich muss die Flosse, da muss ich den Stoff runterkrempeln, bis ich an die Füße, also wo die Füße reingesteckt werden, und dann muss ich da mit den Füßen rein und dann muss ich den Stoff wieder drüber ziehen und dann fühlt man sich halt, wie wenn man mit Seilen gefesselt ist. Ist aber cool.“

Die Hauptrolle spielt hier die sogenannte Monoflosse, eine Schwimmflosse, die über beide Füße gestülpt wird. Ein daran angenähter Schlauch aus buntem Bikini-Stoff imitiert den Fischschwanz. Geschwommen wird dann im Delphin-Stil – eben wie eine echte Meerjungfrau.

Seit die Trainerin Sabine Schönborn vor knapp zehn Monaten ihre Meerjungfrauenschule eröffnet hat, kann sie sich vor Anfragen kaum retten. Filme und Serien wie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ oder Disneys „Arielle“ haben eine Faszination ausgelöst.

Caretta: „Das Schöne war ja an ihr, dass sie so zwei Welten hatte, oder eigentlich so eine ganz andere Welt und die auch so ganz anders war als unsere. Das fand ich immer spannend.“

Luisa: „Das Tolle daran ist, wie die Meerjungfrauen sich unter Wasser bewegen, diese ganzen Drehungen, die sie machen. Das will ich auch ausprobieren.“

Jessica: „Weil das eben so Fantasiewesen sind, weil es die nicht in Echt gibt und es ist schön, sich in die Figur einzuleben.“

Das Kostüm, das Make-up, die Blumen im Haar. Das Styling sitzt. Und dann wird geschwommen: Die Arme sind nach vorn gestreckt, die Flossen schlagen auf und ab.

Das Mermaiding, also Schwimmen mit Nixenflosse, gibt es seit 1984, nachdem der Meerjungfrauen-Film „Splash“ in den Kinos lief und der Kostümmacher des Films die Fischschwänze auch für den privaten Gebrauch anfertigte. In Deutschland ist der Trendsport noch recht neu: Meerjungfrauenschulen gibt es in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Berlin. Und die Nachfrage wächst.

Wesen zwischen biederer Romantik und unnahbarer Erotik

Was fasziniert Mädchen und Frauen aller Altersstufen an dem mythischen Wesen Meerjungfrau? Die Beine in einem Fischleib, damit unten herum geschlechtslos, den Oberkörper dagegen fast nackt – ein Wesen zwischen biederer Romantik und unnahbarer Erotik?

Das Performance-Duo Koikate hat in dem Theaterstück „Ich bin viele“ eben das eigenartige Rollenbild der Meerjungfrau unter die Lupe genommen. Koikate-Performer Sebastian K. König:

„Letzten Endes ist das eine moderne Prinzessinnen-Variante, die statt hübschen Schuhen einen Fischschwanz hat. Und dabei ein Weiblichkeitsmodell verkörpert, dass sehr merkwürdig unzeitgemäß ist. Reduziert gesagt ist es eine Frau, die zwar einen eigenen Antrieb, nämlich diese fette Flosse hat, aber trotzdem auf Hilfe und auf Rettung angewiesen ist.“

Die Mädchen und Frauen hier im Kurs machen sich über das Rollenbild der Meerjungfrauen allerdings keine Gedanken, sie warten nicht auf Rettung, sondern sie wollen für ein paar Stunden in der Woche mal raus aus der Hose und rein in die Flosse. Für sie zählt das Märchenhafte, die Eleganz – und der sportliche Aspekt.

Denn was leicht und schwerelos aussieht, kostet viel Kraft. Johanna ist schon seit einigen Wochen dabei und erinnert sich noch gut an ihre ersten Schwimmversuche.

„Es ist im ersten Moment ziemlich schwer. Man denkt wirklich, man geht erstmal unter, aber je länger man die Flosse trägt, desto besser funktioniert es, denn man hält sich auch besser über Wasser und hat so verschiedene Techniken, die man dann einfach anwendet mit seinen Armen oder man braucht halt wirklich viel Kraft im Oberkörper.“

Nach einer Stunde Schwimmen und Tauchen sind die Meerjungfrauen erschöpft und müde. Die elfjährige Jessica freut sich, dass sie sich am Ende der Stunde wieder in ein ganz normales Mädchen zurückverwandeln kann – ohne dass ein Prinz sie erretten muss:

„Wenn man dann doch ein bisschen länger drin ist, tut das ein bisschen weh und dann am Ende ist das doch schön, wenn man die dann wieder aushat, weil man muss ja die ganze Zeit die Beine so zusammendrücken und das ist total toll jetzt ohne Flosse erstmal.“

Für einen zeitgemäßen Umgang mit den alten Geschlechterbildern spricht, dass bei Trainerin Sabine Schönborn auch schon Jungs Kurse belegt haben.

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