DDR-Computer-Sammler: Jäger der verlorenen Technik

Veröffentlicht bei SPIEGEL ONLINE am 08.03.2015

In DDR-Ruinen finden sie ihre Beute. Ein paar Technikbegeisterte retten Computer des Arbeiter- und Bauernstaates vor dem Verfall. In einem heruntergekommenen Ferienheim entdeckten sie einen besonderen Schatz.

20 Jahre lang rottete das Gebäude vor sich hin. „Türen und Fenster fehlten, Wasser tropfte von der Decke, in den Zimmern wuchsen Moose und Farne“, erinnert sich Rüdiger Kurth. „Überall lagen Haufen mit den zertrümmerten Überresten des Mobiliars. An den Wänden wucherte der Schimmelpilz.“ Trotzdem zog es Kurth und seine Mitstreiter 2014 in das verfallende Ferienheim des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Irgendwo in dieser Hinterlassenschaft der untergegangenen DDR vermuteten sie einen wahren Schatz.

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Der Polyplay – neuester Schatz der Digital AG, Foto: Stefanie Becker

Und sie fanden ihn: den Bildschirm und Teile des Gehäuses eines „Polyplay“. In der DDR galt der „Polyplay“ als eine Legende. Er war in seinem glänzenden Holzkorpus mit 50-Pfennig-Geldeinwurfschlitz und Joystick der einzige Videospielautomat des Arbeiter- und Bauernstaates. In knallig-bunten Farben leuchtete der Schriftzug „Polyplay“ über dem Bildschirm. Lediglich rund 2000 dieser Geräte verließen die Hallen des VEB Polytechnik in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. Die meisten sind verschollen, lediglich drei solcher Geräte befinden sich in Berlin und Karlsruhe.

Zehn Monate später steht das seltene Stück restauriert hinter der Schiebetür eines alten Getränkemarkts in Halle an der Saale. Dahinter stapeln sich Kabel, Monitore und Computeranlagen: Auf über 600 Quadratmetern lagert die sogenannte Digital AG hier ausrangierte DDR-Rechentechnik. In einer Ecke blinkt das neueste Objekt der Sammlung. „Er ist jetzt soweit, dass er wieder funktioniert“, verkündet Ronny Kunze – und schaltet das Gerät ein. Doch etwas geht schief. Der Rechner stürzt ab.

Seit 19 Jahren rettet Kunze zusammen mit seinen Kollegen von der Digital AG alte DDR-Computer, die normalerweise auf dem Schrottplatz landen – von kleinen Bürogeräten bis hin zu Steuerungsanlagen von Kraftwerken. Im ehemaligen Getränkemarkt wird gesammelt, repariert und ausgestellt. Anfangs trafen sich nur ein paar Schüler, die sich für Elektronik interessierten, im Plattenbauviertel Halle-Silberhöhe. Sie schleppten immer wieder neue, zentnerschwere Rechner vom Sperrmüll nach Hause, um sie zu reparieren. Mit der Zeit kamen immer mehr Technikretter dazu. Inzwischen zählt die Gruppe neun Mitglieder. Aus einem Schülerhobby wurde Besessenheit.

„Uns geht es darum, die Geräte vorm Aussterben zu bewahren, denn wir sehen sie als einen Teil der Industriekultur an, die es zu erhalten gilt“, meint Rüdiger Kurth. Jeden Freitagabend reist er aus dem sächsischen Crimmitschau an, um zu löten, schrauben und basteln. Eigentlich ist er Automobilentwickler. Seine Kenntnisse über Rechentechnik hat er sich selbst angeeignet: „Bei vielen Geräten gibt es gar nichts, woran wir uns orientieren können, da müssen wir improvisieren. Aber bei den Robotrongeräten war es üblich, dass auch technische Dokumentationen und Unterlagen mitgeliefert wurden, und die helfen uns enorm bei der Wiederherstellung.“

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Ronny Kunze: Reparieren ist unser Kick, Foto: Stefanie Becker

Diese Unterlagen stapeln sich in einer anderen Ecke der Halle. Dazwischen steht Gerhard Just, der sie durchblättert, sortiert und studiert. Der ehemalige Dozent der Technischen Hochschule Merseburg ist ungefähr doppelt so alt wie seine jungen Kollegen. „Ich hatte, das muss 1962 oder 1963 gewesen sein, das erste Mal mit einem Computer zu tun“, meint Just. Seither faszinieren ihn diese Geräte. Mit seinen mehr als 80 Jahren beschäftigt sich Just immer noch täglich mit alter Rechentechnik.

Um die Sammlung immer weiter zu vergrößern, gehen die Jungs mehrmals im Jahr auf „Industrie-Exkursionen“. In stillgelegten Betrieben finden sie technische Überbleibsel. Früher konnten die Sammler die Fabriken einfach aufsuchen und fragen, ob sie die Technik mitnehmen durften. Doch derart unberührte Gelände sind 25 Jahre nach der Wende selten geworden.

Deswegen liegt ein großer Stapel alter Telex-Bücher auf einem Tisch in der Ecke der Werkstatt: „Telex“ war ein System zur Textnachrichtenübermittlung per Fernschreiber. „Wir filtern die Einträge nach Volkseigenen Betrieben oder wissenschaftlichen Zentren und erfassen diese in einer Liste, die inzwischen 27.000 Einträge hat“, erklärt Sebastian Czech. „Dann vergleichen wir mit Luftbildern, ob überhaupt noch etwas da steht, nehmen die GPS-Daten und fahren hin.“ Vor Ort beginnt die Suche in den DDR-Ruinen. Die Industriegebäude sind oft schwer zugänglich, die Hallen heruntergekommen und teilweise einsturzgefährdet.

So war es auch bei der Bergung des Spielecomputers „Polyplay“: Schon lange hatte sich die Digital AG eines der seltenen Geräte für ihre Sammlung gewünscht. Der Zufall spielte ihnen in die Hände: Im Internet entdeckten sie die Aufnahme eines unbekannten Ruinenfotografen, das unverkennbar eine auf dem Fußboden liegende Gehäuseblende des Polyplay zeigte. Die Digital AG ermittelte den Standort und fuhr hin. Wo genau das war, bleibt ein Geheimnis. Weitere DDR-Technik harrt dort auf ihre Bergung

Haben die Jungs in den Ruinen die Rechenzentren gefunden, müssen sie die schwere Technik über kaputte Wege und Geröll zum Auto schleppen. In Wäschekörben sammeln sie Einzelteile, für Großrechner organisieren sie einen Transporter. In ihrer Werkstatt im alten Getränkemarkt angekommen, nehmen sie jedes Einzelteil unter die Lupe, reinigen es, suchen nach Ersatzteilen und bauen die Rechner wieder zusammen.

So wie den „Polyplay“: Auf dem Bildschirm erscheint ein Flackern. Der Rechner springt an, die Soundanlage dudelt eine Melodie der Achtzigerjahre. Ronny Kunze und Rüdiger Kurth strahlen: „Uns macht das Reparieren einfach Freude. Das ist unser Kick.“

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Sie laufen wieder: Restaurierte Rechner im Technikmuseum der Digital AG, Foto: Stefanie Becker

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