Silhouettenfilmer: Meister der Illusion

Veröffentlicht am 07.12.2015 im DEUTSCHLANDFUNK

„Ich bin der Krabat. So hat mich Maminka gerufen. Die Frau sagt nicht ‚Hau ab du Strolch!‘ Sie sagte ganz weich: Krabat.“

Ein Ausschnitt aus Klausjörg Herrmanns „Der siebente Rabe“, seinem bislang längstem Silhouettenfilm – und wohl auch seinem bekanntesten. In seinem Atelier bei Dresden haucht er schwarzen Pappfiguren Leben ein:

„Eine schöne Ilusion“

„Die werden auf eine Glasscheibe gelegt und das Licht kommt dann von unten. Dadurch bleiben die Figuren ganz schwarz und das schwarze Papier zeichnet sich vom Hintergrund und von der Umgebung ab. Man macht ein Bild – heute mit einem digitalen Fotoapparat – bewegt die Figur ein kleines Stückchen, macht wieder ein Bild und so weiter. Und das zieht dann, während der Rechner uns das abspielt, unser Auge zu einer Bewegung zusammen, die es in Wirklichkeit gar nicht gegeben hat. Das ist eine Illusion, aber eine schöne.“

Jeden Tag steht Klausjörg Hermann in seinem Atelier und entwirft, schneidet aus, legt, fotografiert und animiert. Millimeter für Millimeter, Schritt für Schritt bewegt er seine Figuren auf der Trickbank – einem großen Glastisch, der von unten beleuchtet ist. Oben drüber hängt eine digitale Spiegelreflexkamera, die jede Bewegung einfängt. Die größte Herausforderung dabei: die Emotionen seiner Figuren darzustellen:

„Man kann nicht ins Gesicht gucken und die Mimik fällt weg. Aber neben der Mimik gibt es ja noch den ganzen Grundgestus, den ein Körper hat. Wenn einer traurig ist, lässt er die Schultern hängen – ich kann die Schultern hängen lassen. Wenn sich einer ungeheuer freut, dann hopst er in die Luft – ich muss das also umsetzen auf den ganzen Körper, was sonst ein kleines Mundwinkelzucken beim Schauspieler machen könnte.“

Der Schattenfilmmacher Klausjörg Herrmann bei der Produktion seines neuen Films . (Stefanie Becker)
Millimeter für Millimeter bewegt der Meister die Pappfiguren auf der Trickbank. Foto: Stefanie Becker

Wenn Pappfiguren und Computeranimationen aufeinander treffen

Er knipst rund 1.500 Fotos für eine Filmminute, und rund 10 Sekunden Film produziert er am Tag. Sein Lieblingsthema: heimische Sagen – wie der Krabat. Doch anstatt die alte Filmkunst nur zu konservieren, entwickelt Klausjörg Herrmann sie stetig weiter. In seinem aktuellen Projekt kombiniert er seine Silhouettenfiguren mit 3D Computeranimationen und Spielfilmelementen. „Die Winzlinge“ soll der Film heißen und so lang werden wie ein Kinofilm. Mit Leidenschaft und neuen Ideen versucht Hermann sein Nischen-Genre am Leben zu erhalten:

„Ich tu das in zweierlei Hinsicht: Erstens, indem ich das in die digitale Welt eingebracht habe und die ganzen Möglichkeiten, die heute ein Computer bietet, in diese Schattenspielkunst eingebracht habe und zweitens indem ich unterrichte und junge Leute mit dem Metier vertraut mache.“

Silhouettenfilm als Berufung

Das tut er, indem er einmal im Jahr ein einmonatiges Blockseminar an der Akademie für Informations- und Kommunikationsdesign in Dresden gibt. Schließlich macht dem über 70-Jährigen in Sachen Technik niemand etwas vor, weder analog noch digital.

Von seinen Filmen leben kann er aber er nicht – dafür produziert er nebenbei noch Imagefilme. Trotzdem kommt Aufhören für ihn auf keinen Fall infrage:

„Weil es meine Berufung ist. Ich bin nicht dafür ein Leben lang auf diesen Punkt zugelaufen, dort eine Meisterschaft zu erreichen, dass ich es auf halbem Wege abbreche.“

Auf Augenhöhe: Ein Leipziger Projekt hilft Flüchtlingen bei der Wohnungssuche

Veröffentlicht am 03.12.2015 im DEUTSCHLANDFUNK „DEUTSCHLAND HEUTE“

5000 Flüchtlinge sind 2015 nach Leipzig gekommen. Wie überall in Deutschland sind die Gemeinschaftsunterkünfte auch hier total überlastet. Menschen mit und ohne Bleibeperspektive leben auf engem Raum. Viele von denen, die Asyl erhalten haben, würden gern ausziehen, doch scheitern viele an den sprachlichen und bürokratischen Hürden. Die Mitarbeiter in den Gemeinschaftsunterkünften haben oft keine Zeit, sich um diese Angelegenheiten zu kümmern. Doch in Leipzig hat sich eine kleine Initiative auf die Fahne geschrieben, Flüchtlinge mit Bleiberecht in Wohnungen unterzubringen und mit einer einfachen Strategie und einem großen Netzwerk das Problem der Flüchtlingsunterkünfte –wenigstens ein Stückweit – zu lösen. Stefanie Becker berichtet.

Wohnungsbesichtigung im Leipziger Osten. Der 25jährige Eyad aus Syrien will aus seiner Gemeinschaftsunterkunft ausziehen, um endlich ein neues Leben anzufangen.

Eyad: Me and my brother need two rooms and a big kitchen to sit in together. That is what we are looking for.

Mein Bruder und ich brauchen zwei Zimmer und eine große Küche, in der wir zusammen sitzen können. Das suchen wir jetzt.

 Eyad, studierter Ingenieur, kam im März dieses Jahres nach Deutschland, lebte zuerst in einem Camp in Chemnitz und nun in einer Pension in Leipzig. Seit er weiß, dass er bleiben darf, sucht er seine eigenen vier Wände – will mit seinem Bruder Anas in eine WG ziehen. Doch auch mit Aufenthaltsgenehmigung ist es für die beiden alles andere als einfach, sich auf dem deutschen Wohnungsmarkt zurechtzufinden.

Eyad: In the Internet and the Websites it was all in deutsch. You need someone to guide you in this.

Im Internet sind alle Webseiten auf Deutsch. Man braucht jemanden, der einem hilft, sich damit zurechtzufinden.

Die Sprache ist das eine Problem –die Bürokratie das andere. Und genau da setzt eine Leipziger Initiative an: Die Wohnungspaten. Vermittler zwischen Geflüchteten, Vermietern und Ämtern. Alexander Schwarz ist so ein Wohnungspate. Eigentlich ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der juristischen Fakultät der Uni Leipzig. Heute begleitet er Eyad bei der Wohnungsbesichtigung, hilft als Übersetzer und ist für beide Seiten – besonders aber für den Vermieter – eine Art Vertrauensperson. Denn einige Vermieter haben Bedenken, ihre Wohnungen Flüchtlingen anzuvertrauen.

Alexander Schwarz: Dass die das Gefühl haben, da gibt es einen Ansprechpartner, der nicht nur ihre Sprache spricht, sondern auch die üblichen Gepflogenheiten kennt, der weiß, wie das hier läuft, der sich darum kümmert, dass der Vertrag geschlossen wird, der sich darum kümmert, dass vom Sozialamt und der Ausländerbehörde die entsprechenden Gelder auch fließen, dass die Kaution bezahlt wird. Nicht, dass wir uns dafür verbürgen rechtlich. Aber wir sorgen dafür, dass alles relativ schnell und unbürokratisch seinen Gang geht.

Die Idee zu dem Projekt hatte der Pfarrer der evangelischen Petersgemeinde Leipzig, Andreas Dohrn. Er selbst brachte eine syrische Familie im Pfarrhaus seiner Gemeinde unter – mit allen bürokratischen Dingen, die dazu gehören. Was einmal klappt, muss auch öfter klappen, dachte er sich und entwickelte eine Internetplattform, die alle Beteiligten in ein Boot holt: Geflüchtete, Vermieter, Übersetzer und Wohnungspaten können sich auf „Fluechtlingswohnungen.org“ mit ein paar Klicks untereinander vernetzen.

Sein Ziel: 50 Flüchtlinge pro Woche aus den Gemeinschaftsunterkünften herauszuholen, in Wohnungen zu vermitteln und mit Möbeln auszustatten.

Pfarrer Andreas Dohrn: Ich brauche jede Woche 150 Wohnungsbesichtigungen, das heißt ich brauche 500 Wohnungspatenschaften innerhalb von 10 Wochen, ich brauche entsprechend 50 Möbeltransporter, ich brauche 50 Erstausstattungen von Möbeln und skalierbar heißt, dass man Komponenten entwickelt, die in dieser Frequenz funktionieren.

Diese „Komponenten“ sammeln sich auf seinem Portal: Insgesamt sind schon 230 Anmeldungen eingegangen. Verschiedene Teams konnten sich daraus bilden – ganz unbürokratisch, wie Wohnungspate Alexander Schwarz berichten kann:

Alexander Schwarz: Sehr schnell, innerhalb von drei Tagen habe ich die erste Rückmeldung bekommen für einen ersten Wohnungsbesuch mit zwei Geflüchteten, habe sofort Adressen zugeteilt bekommen von Dolmetschern, der Vermieterin, dem Makler und den Telefonnummern der Geflüchteten und innerhalb von zwei Tagen war ich Wohnungspate.

Wenige Tage später steht er mit Eyad in der kleinen Zweiraumwohnung.

Alexander Schwarz: Ist es möglich, hier zu renovieren, beziehungsweise soll das von dem Mieter gemacht werden?

Maklerin: Gestrichen ist, nur der Fußboden ist eben nicht so der Hammer. Aber das müssen wir vielleicht noch abklären, was geändert wird. Im Schlafzimmer ist ja auch noch eine Beschädigung drin und das würden wir dann bestimmt noch ändern.

Die Stimmung zwischen Vermieterin, Flüchtling und Wohnungspate ist gut – kommuniziert wird auf Augenhöhe. So sollte es laufen. Andreas Dohrn:

Andreas Dohrn: Der französische Soziologe Bordieu hat es so formuliert, wir sind auf der Ebene von symbolischem Kapital. Das heißt, was unsere Wohnungspaten schaffen, ist, im Idealfall, schon ab dem Moment, wo die Geflüchteten eine Wohnung suchen, sie auf Augenhöhe zu bringen mit dem Wohnungsmarkt, mit Vermietern und mit anderen Mietinteressenten. Sie nicht besser und nicht schlechter zu stellen wie alle anderen.

Wenige Straßen weiter – Leipzig Nord-Ost. Eine Erdgeschosswohnung – zwei Zimmer, Küche, Bad – noch sehr dürftig eingerichtet: Ein Schlafsofa, ein Couchtisch, vier Stühle, eine Einbauküche, sonst nichts. Hier wohnen Rim und Jalal, ein junges Ehepaar aus Syrien. Vor knapp zwei Wochen haben die beiden über Pfarrer Dohrns Projekt den Schlüssel zu ihrer eigenen Wohnung bekommen. Jalal weiß, ohne die Wohnungspaten hätte das nicht so einfach geklappt.

Jalal: We were lucky that we found this group helping refugees in Leipzig. We solved the apartments and it was so good for us. Then they helpes us in the Jobcenter in bring all the papers for us. And almost we didn’t do anything. They did all the job.

Wir hatten Glück, dass wir diese Gruppe gefunden haben. Wir haben die Wohnung gefunden und das war so gut für uns. Dann haben sie uns im Jobcenter geholfen, haben alle Papiere zusammen getragen. Wir haben fast nichts gemacht – sie haben die ganze Arbeit geleistet.

Insgesamt konnte das Team um Pfarrer Dohrn schon 10 Mietverträge für Flüchtlinge abschließen. Inzwischen kommen sogar Anrufe von Menschen aus der ganzen Bundesrepublik, die sich ehrenamtlich engagieren möchten oder auch in anderen Städten und Kommunen Wohnungen zu vermieten haben. Ein Projekt mit großem Potenzial.

Andreas Dohrn: Die Plattform ist natürlich von Anfang an so angelegt, dass man sie in jeder Kommune nehmen kann und dass sie einem tatsächlich auch weiterhilft. Dass da auch Knowhow drin steckt, wie zu Wohnungspaten kommt, wie man Kontakt mit Geflüchteten aufbaut, wie das mit den Vermietern ist, welche rechtlichen und anderen Hintergründe es gibt.

Erfahrungen, die weit über Leipzig hinaus Wirkung zeigen können – nicht nur für den Wohnungsmarkt, sondern auch ganz persönlich – wie Rim mit einem Strahlen in den Augen berichtet:

Rim (in gebrochenem Deutsch): Wir sind sehr glücklich jetzt. Wir haben eine Wohnung. Und wir haben ein neue schöne Life. Leben. Entschuldigung. Wir erwarten die erste Kind. Jetzt ich bin in die erste Monat. Und ich glaube alles, alles gut.