Sandkunst: Vergängliche Welten aus Wüstensand

Veröffentlicht bei MDR Figaro im März 2016

Anne Löper sich als eine von nur wenigen Künstlern in Deutschland einer Gestaltungsform verschrieben, die es den Zuschauern erlaubt, live dabei zu sein, wenn sie zeichnet – sie ist Sandkünstlerin. Sie malt Bilder aus Sand auf einem Lichttisch, um sie gleich wieder zu verwischen und ein neues Bild zu gestalten. Stefanie Becker hat sie getroffen.

Ein Mann steht auf einer Brache und schaut in Richtung Horizont. Dort geht die Sonne unter. Im Vordergrund die Silhouette eines Hutträgers. Ein Bild in sepia und weiß, projiziert auf eine Leinwand. Dann huschen zwei Hände durch das Bild, zerstören es, verändern es. Es dauert ein paar Sekunden und aus der Brache entsteht eine Stadt – Hochhäuser, DDR-Bauten. Dann wieder die Hände, die die Illusion brechen, um schnell eine neue entstehen zu lassen. Anne Löper ist Sandkünstlerin. Sie zeichnet mit Sand. Bilder, die Geschichten erzählen und auf einer großen Kinoleinwand für die Zuschauer zum Leben erwachen.

Anne Löper: Wenn ich mit Sand male, dann forme ich mit den Händen Sand, ich schiebe den, ich erzeuge Schatten, ich erzeuge Stellen, wo Licht ist. Und dadurch forme ich Bilder.

 Anne arbeitet an einen Lichttisch, der schräg vor der großen Leinwand steht. Auf dem Tisch liegt kiloweise roter Sand – ihr Werkzeug, ihre Farbe.

Anne Löper: Das ist Wüstensand. Der ist sehr fein, damit er schön über den Sand rollt und die Glasplatte nicht verkratzt. Er ist hellrot und wenn das Licht von unten durchfällt, wird er so sepiafarben, das ist das, was ich an diesem Sand so liebe.

Von unten wird der Tisch mit gelblichem Licht bestrahlt, beleuchtet ihr Gesicht, das sich darüber beugt. Ihr Blick ist konzentriert, verschwindet förmlich in den Bildern, die sie „sandet“. Der Sand fliegt nur so über die Glasplatte – mal in feinem Staub, mal in großem Schwung. Dann zeichnet sie mit den Fingern oder einem kleinen Spatel filigrane Umrisse. Jede Bewegung sitzt perfekt.

Anne Löper: Meine Kunst, sie lebt von einem Farbton und all seinen Schattierungen. Sie kann sehr schnell Schatten erzeugen, Licht erzeugen, wo andere Techniken sehr lange brauchen, im Holzschnitt, in der Radierung, wo man sehr lange an Licht und Schatten feilt. Hier ist es ein Wurf und sofort ist eine Räumlichkeit da. Das ist es eigentlich. Ne Räumlichkeit.

Anne malt nicht nur Bilder – sie erzählt Geschichten. Bei ihrem derzeitigen Projekt „sandet“ sie die Geschichte Dresdens, beginnend mit einem Landschaftsbild aus der sächsischen Schweiz und endend in der Gegenwart. Sie hat sich intensiv mit der Stadt auseinandergesetzt, sich von Orten und Geräuschen inspirieren lassen.

Anne Löper: Es ist so, dass ich an die Orte gehe, die ich zeichne… Ich nehme die Atmosphäre von dem Ort auf… Dann habe ich viel gelesen, es ist viel Dresdner Stadtgeschichte. Ich habe mich da durchgelesen und das versuche ich, auf eine Meta-Ebene zu bringen. Das sind nicht nur Bilder, sondern da steckt auch eine ganze Menge Wissen.

Sie ist gebürtige Bautzenerin und hat in Dresden und Leipzig gelebt. Heute hat sie ihr Atelier ein par Kilometer hinter der thüringischen Grenze in Hessen und sie bezeichnet sich selbst als Weltenbummlerin, die ihre Eindrücke von den Reisen nach Indien oder Japan ebenso in ihre Werke einfließen lässt wie das, was sie in ihrer Heimat erlebt. „Dresden“ ist eines ihrer größeren Projekte.

Anne Löper: Jede Kultur interessiert mich. Aber meine Wurzeln sind mir ganz wichtig und ganz heilig. Die haben mich geprägt und es war für mich ein ganz großer Wunsch, mal ein Stück zu machen über die gegen, wo ich herkomme und die Gefühle einfach aufleben zu lassen und denen Ausdruck zu verleihen.

Und das spürt man – wenn man die Künstlerin auf der Bühne beobachtet: vertieft in ihre Gedanken, abwesend. Hinter ihr die Projektion der Frauenkirche – aus feinen Linien aus rotbraunem Sand. Man sieht, wie sehr Anne eins wird mit den Bildern vor ihr auf dem Glastisch, wie sie die mit geübten Handgriffen die Geschichten zeichnet, die den Zuschauer entführen – in eine abstrakte und doch so vertraut wirkende Welt aus Sand.

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