Sandkunst: Vergängliche Welten aus Wüstensand

Veröffentlicht bei MDR Figaro im März 2016

Anne Löper sich als eine von nur wenigen Künstlern in Deutschland einer Gestaltungsform verschrieben, die es den Zuschauern erlaubt, live dabei zu sein, wenn sie zeichnet – sie ist Sandkünstlerin. Sie malt Bilder aus Sand auf einem Lichttisch, um sie gleich wieder zu verwischen und ein neues Bild zu gestalten. Stefanie Becker hat sie getroffen.

Ein Mann steht auf einer Brache und schaut in Richtung Horizont. Dort geht die Sonne unter. Im Vordergrund die Silhouette eines Hutträgers. Ein Bild in sepia und weiß, projiziert auf eine Leinwand. Dann huschen zwei Hände durch das Bild, zerstören es, verändern es. Es dauert ein paar Sekunden und aus der Brache entsteht eine Stadt – Hochhäuser, DDR-Bauten. Dann wieder die Hände, die die Illusion brechen, um schnell eine neue entstehen zu lassen. Anne Löper ist Sandkünstlerin. Sie zeichnet mit Sand. Bilder, die Geschichten erzählen und auf einer großen Kinoleinwand für die Zuschauer zum Leben erwachen.

Anne Löper: Wenn ich mit Sand male, dann forme ich mit den Händen Sand, ich schiebe den, ich erzeuge Schatten, ich erzeuge Stellen, wo Licht ist. Und dadurch forme ich Bilder.

 Anne arbeitet an einen Lichttisch, der schräg vor der großen Leinwand steht. Auf dem Tisch liegt kiloweise roter Sand – ihr Werkzeug, ihre Farbe.

Anne Löper: Das ist Wüstensand. Der ist sehr fein, damit er schön über den Sand rollt und die Glasplatte nicht verkratzt. Er ist hellrot und wenn das Licht von unten durchfällt, wird er so sepiafarben, das ist das, was ich an diesem Sand so liebe.

Von unten wird der Tisch mit gelblichem Licht bestrahlt, beleuchtet ihr Gesicht, das sich darüber beugt. Ihr Blick ist konzentriert, verschwindet förmlich in den Bildern, die sie „sandet“. Der Sand fliegt nur so über die Glasplatte – mal in feinem Staub, mal in großem Schwung. Dann zeichnet sie mit den Fingern oder einem kleinen Spatel filigrane Umrisse. Jede Bewegung sitzt perfekt.

Anne Löper: Meine Kunst, sie lebt von einem Farbton und all seinen Schattierungen. Sie kann sehr schnell Schatten erzeugen, Licht erzeugen, wo andere Techniken sehr lange brauchen, im Holzschnitt, in der Radierung, wo man sehr lange an Licht und Schatten feilt. Hier ist es ein Wurf und sofort ist eine Räumlichkeit da. Das ist es eigentlich. Ne Räumlichkeit.

Anne malt nicht nur Bilder – sie erzählt Geschichten. Bei ihrem derzeitigen Projekt „sandet“ sie die Geschichte Dresdens, beginnend mit einem Landschaftsbild aus der sächsischen Schweiz und endend in der Gegenwart. Sie hat sich intensiv mit der Stadt auseinandergesetzt, sich von Orten und Geräuschen inspirieren lassen.

Anne Löper: Es ist so, dass ich an die Orte gehe, die ich zeichne… Ich nehme die Atmosphäre von dem Ort auf… Dann habe ich viel gelesen, es ist viel Dresdner Stadtgeschichte. Ich habe mich da durchgelesen und das versuche ich, auf eine Meta-Ebene zu bringen. Das sind nicht nur Bilder, sondern da steckt auch eine ganze Menge Wissen.

Sie ist gebürtige Bautzenerin und hat in Dresden und Leipzig gelebt. Heute hat sie ihr Atelier ein par Kilometer hinter der thüringischen Grenze in Hessen und sie bezeichnet sich selbst als Weltenbummlerin, die ihre Eindrücke von den Reisen nach Indien oder Japan ebenso in ihre Werke einfließen lässt wie das, was sie in ihrer Heimat erlebt. „Dresden“ ist eines ihrer größeren Projekte.

Anne Löper: Jede Kultur interessiert mich. Aber meine Wurzeln sind mir ganz wichtig und ganz heilig. Die haben mich geprägt und es war für mich ein ganz großer Wunsch, mal ein Stück zu machen über die gegen, wo ich herkomme und die Gefühle einfach aufleben zu lassen und denen Ausdruck zu verleihen.

Und das spürt man – wenn man die Künstlerin auf der Bühne beobachtet: vertieft in ihre Gedanken, abwesend. Hinter ihr die Projektion der Frauenkirche – aus feinen Linien aus rotbraunem Sand. Man sieht, wie sehr Anne eins wird mit den Bildern vor ihr auf dem Glastisch, wie sie die mit geübten Handgriffen die Geschichten zeichnet, die den Zuschauer entführen – in eine abstrakte und doch so vertraut wirkende Welt aus Sand.

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Digital AG: Technik-Freaks retten alte DDR-Computer

Veröffentlicht am 04.01.2016 im DEUTSCHLANDFUNK

Kaum vorstellbar, dass ein Rechner mit dem Bruchteil der Leistung noch vor 20 oder 30 Jahren einen ganzen Raum gefüllt haben soll. Und damit das nicht vergessen wird, hat sich in Halle an der Saale eine Gruppe technikbegeisterter junger Männer aufgemacht, die alte Rechentechnik der DDR zu bergen und zu restaurieren.

Ein ehemaliger Getränkemarkt in Halle an der Saale. Die Schiebetür öffnet sich – doch anstelle von Bier- und Wasserkästen stapeln sich hier alte DDR-Computer. Hunderte Monitore stehen in Reih und Glied, dahinter tonnenschwere Rechner und Steuerungsanlagen. Die Regale biegen sich – so schwer sind die technischen Unterlagen, Fachzeitschriften und Kataloge, die darauf liegen. Inmitten dieser Sammlung stehen drei junge Männer und fachsimpeln.

Ronny Kunze: „Robotron hat keinen Fehler in der 1600er Dokumentation gemacht, sondern der Dokumentationsfehler ist in dem Floppy-Laufwerk. Ah!“

Sebastian Czech: „Genau, das ist die externe Einheit zum 8915 und wir haben die ignoranterweise in den SKR-reingebaut.“

Ronny Kunze, Sebastian Czech und Rüdiger Kurth haben ihren Laptop an ein Gerät angeschlossen, das aussieht wie eine riesige rechnende Schrankwand. Die „K 1600“. Sebastian drückt einige Knöpfe.

„Das ist ein Universalrechner. Den kann man sowohl für die Lösung wissenschaftlich-technisch-ökonomischer Aufgaben benutzen als auch als Prozessleitrechner. Die Anlage hier die stammt halt aus einem Braunkohlekraftwerk, einem großen, und wurde dort mehr oder weniger als Datenbankserver benutzt.“

Die Rettung vor dem Schrottplatz

Ein Kleinrechner aus den 80er Jahren. Einige hundert Kilo schwer. Es ist das neueste Restaurationsprojekt der Digital AG. So nennt sich die Gruppe, die alte DDR-Rechentechnik sammelt und so vor dem Schrottplatz rettet.

Rüdiger Kurth: „Einerseits geht es uns darum die Geräte vorm Aussterben zu bewahren denn wir sehen die als einen Teil der Industriekultur an, die es auch zu erhalten gilt zumal es auch einen regionalen Bezug hat. Die Anlagen sind in Mitteldeutschland hergestellt worden und waren auch in Mitteldeutschland im Einsatz.“

Ein Großteil der Rechner, die die Digital-AG birgt, ist kaputt. Manchmal sind die Maschinen komplett zerlegt, halb verrottet oder sie haben irgendwelche technischen Defekte. Egal was es ist – die Digital AG schleppt die Computer in ihre Halle und versucht zu retten, was zu retten ist. Das gilt auch für die K 1600.

Ronny Kunze: „Der fehlt eigentlich immer noch ein Gerät, wovon sie booten kann. Wir haben hier zwar Festplatten dran und ein Magnetbandlaufwerk und Lochstreifenleser. Aber wir haben noch keine Datenträger, die man konkret booten kann. Wir haben aber eine Diskette von jemandem bekommen, wo möglicherweise ein Bootladersystem drauf ist.“

Sebastian Czech: „Unser Ziel ist es, dass man die Technik erleben und nicht nur ansehen kann.“

Doch bevor es soweit ist, müssen die Jungs ganze Arbeit leisten, denn nur die wenigsten Geräte werden ihnen einfach so vorbei gebracht. Ronny Kunze ist schon seit einigen Jahren dabei, eine Datenbank mit alten Industrieanlagen zu erstellen.

Ronny Kunze: „Teilweise aus Fernsprechbüchern, teilweise aus Telex-Büchern und aus Unterlagen oder internen Telefonbüchern von Firmen oder so.“

Tonnenschwere Technik

Stillegelegte Industrieanlagen und abgewickelte Betriebe sind wahre Goldgruben für die Technikretter. Haben sie eine alte Fabrik gefunden geht es an die Recherche: Wer ist der Besitzer und welche Geräte sind noch vorhanden? So wie im alten Porzellanwerk Ilmenau. Hier hat die Digital AG einen ganz besonderen Roboter gefunden.

Sebastian Czech: „Das ist ein Rechner für die Steuerung eines Schnellplotters aus dem Porzellanwerk Ilmenau. Damit hat man die Dekorbögen, also quasi das Blumenmuster aus den Tellern ausgestanzt.“

Doch damit nicht genug: Die tonnenschwere Technik muss ja noch irgendwie nach Halle transportiert werden.

Ronny Kunze: „Die Kollegen da hatten einen Stapler vor Ort. Die waren ja eh mit Demontieren beschäftigt.“

Sebastian Czech: „Man muss ich vorstellen, dieser halbtonnenschwere Schaltschrank wurde mit einer Schlinge in den Transporter reingetan. Hier haben wir aber keinen Stapler und keine Laufkatze, also war das mit purer Muskelkraft zu machen.“

Ronny Kunze: „Das hat richtig Spaß gemacht. Also das war ein richtig cooler Vorgang.“

Und dann geht es an das technische Know-how. Die alte Technik zu verstehen – das haben sie sich selbst beigebracht. Jeden Freitagabend wird geschraubt, gelötet und analysiert.

Obwohl der alte Getränkemarkt inzwischen aus allen Nähten platzt, kommt Aufhören für die Technikretter auf keinen Fall infrage.

Ronny Kunze: „Ich denke, das muss man einfach erhalten. Und weil ich auch gesehen habe, dass andere auch eine unheimliche Leidenschaft für Dinge aufbringen können. Eisenbahner sind zum Beispiel auch total vernarrt in ihre Eisenbahn. Und wir machen halt Elektronik.“

Die K1600 läuft am Ende des Abends noch immer nicht. Ronny Kunze kommt mit seinem Latein nicht weiter. Irgendein Zwischenstück scheint zu fehlen. Aber das macht nichts. Es gibt noch genug andere Geräte, an denen er heute Abend herumschrauben kann – so wie Rüdiger Kurth, der gerade einen alten Drucker auseinanderbaut. Fertig werden sie nie. Und wenn doch, dann finden sie eben noch ein paar neue alte Computer.

 

 

Silhouettenfilmer: Meister der Illusion

Veröffentlicht am 07.12.2015 im DEUTSCHLANDFUNK

„Ich bin der Krabat. So hat mich Maminka gerufen. Die Frau sagt nicht ‚Hau ab du Strolch!‘ Sie sagte ganz weich: Krabat.“

Ein Ausschnitt aus Klausjörg Herrmanns „Der siebente Rabe“, seinem bislang längstem Silhouettenfilm – und wohl auch seinem bekanntesten. In seinem Atelier bei Dresden haucht er schwarzen Pappfiguren Leben ein:

„Eine schöne Ilusion“

„Die werden auf eine Glasscheibe gelegt und das Licht kommt dann von unten. Dadurch bleiben die Figuren ganz schwarz und das schwarze Papier zeichnet sich vom Hintergrund und von der Umgebung ab. Man macht ein Bild – heute mit einem digitalen Fotoapparat – bewegt die Figur ein kleines Stückchen, macht wieder ein Bild und so weiter. Und das zieht dann, während der Rechner uns das abspielt, unser Auge zu einer Bewegung zusammen, die es in Wirklichkeit gar nicht gegeben hat. Das ist eine Illusion, aber eine schöne.“

Jeden Tag steht Klausjörg Hermann in seinem Atelier und entwirft, schneidet aus, legt, fotografiert und animiert. Millimeter für Millimeter, Schritt für Schritt bewegt er seine Figuren auf der Trickbank – einem großen Glastisch, der von unten beleuchtet ist. Oben drüber hängt eine digitale Spiegelreflexkamera, die jede Bewegung einfängt. Die größte Herausforderung dabei: die Emotionen seiner Figuren darzustellen:

„Man kann nicht ins Gesicht gucken und die Mimik fällt weg. Aber neben der Mimik gibt es ja noch den ganzen Grundgestus, den ein Körper hat. Wenn einer traurig ist, lässt er die Schultern hängen – ich kann die Schultern hängen lassen. Wenn sich einer ungeheuer freut, dann hopst er in die Luft – ich muss das also umsetzen auf den ganzen Körper, was sonst ein kleines Mundwinkelzucken beim Schauspieler machen könnte.“

Der Schattenfilmmacher Klausjörg Herrmann bei der Produktion seines neuen Films . (Stefanie Becker)
Millimeter für Millimeter bewegt der Meister die Pappfiguren auf der Trickbank. Foto: Stefanie Becker

Wenn Pappfiguren und Computeranimationen aufeinander treffen

Er knipst rund 1.500 Fotos für eine Filmminute, und rund 10 Sekunden Film produziert er am Tag. Sein Lieblingsthema: heimische Sagen – wie der Krabat. Doch anstatt die alte Filmkunst nur zu konservieren, entwickelt Klausjörg Herrmann sie stetig weiter. In seinem aktuellen Projekt kombiniert er seine Silhouettenfiguren mit 3D Computeranimationen und Spielfilmelementen. „Die Winzlinge“ soll der Film heißen und so lang werden wie ein Kinofilm. Mit Leidenschaft und neuen Ideen versucht Hermann sein Nischen-Genre am Leben zu erhalten:

„Ich tu das in zweierlei Hinsicht: Erstens, indem ich das in die digitale Welt eingebracht habe und die ganzen Möglichkeiten, die heute ein Computer bietet, in diese Schattenspielkunst eingebracht habe und zweitens indem ich unterrichte und junge Leute mit dem Metier vertraut mache.“

Silhouettenfilm als Berufung

Das tut er, indem er einmal im Jahr ein einmonatiges Blockseminar an der Akademie für Informations- und Kommunikationsdesign in Dresden gibt. Schließlich macht dem über 70-Jährigen in Sachen Technik niemand etwas vor, weder analog noch digital.

Von seinen Filmen leben kann er aber er nicht – dafür produziert er nebenbei noch Imagefilme. Trotzdem kommt Aufhören für ihn auf keinen Fall infrage:

„Weil es meine Berufung ist. Ich bin nicht dafür ein Leben lang auf diesen Punkt zugelaufen, dort eine Meisterschaft zu erreichen, dass ich es auf halbem Wege abbreche.“

Auf Augenhöhe: Ein Leipziger Projekt hilft Flüchtlingen bei der Wohnungssuche

Veröffentlicht am 03.12.2015 im DEUTSCHLANDFUNK „DEUTSCHLAND HEUTE“

5000 Flüchtlinge sind 2015 nach Leipzig gekommen. Wie überall in Deutschland sind die Gemeinschaftsunterkünfte auch hier total überlastet. Menschen mit und ohne Bleibeperspektive leben auf engem Raum. Viele von denen, die Asyl erhalten haben, würden gern ausziehen, doch scheitern viele an den sprachlichen und bürokratischen Hürden. Die Mitarbeiter in den Gemeinschaftsunterkünften haben oft keine Zeit, sich um diese Angelegenheiten zu kümmern. Doch in Leipzig hat sich eine kleine Initiative auf die Fahne geschrieben, Flüchtlinge mit Bleiberecht in Wohnungen unterzubringen und mit einer einfachen Strategie und einem großen Netzwerk das Problem der Flüchtlingsunterkünfte –wenigstens ein Stückweit – zu lösen. Stefanie Becker berichtet.

Wohnungsbesichtigung im Leipziger Osten. Der 25jährige Eyad aus Syrien will aus seiner Gemeinschaftsunterkunft ausziehen, um endlich ein neues Leben anzufangen.

Eyad: Me and my brother need two rooms and a big kitchen to sit in together. That is what we are looking for.

Mein Bruder und ich brauchen zwei Zimmer und eine große Küche, in der wir zusammen sitzen können. Das suchen wir jetzt.

 Eyad, studierter Ingenieur, kam im März dieses Jahres nach Deutschland, lebte zuerst in einem Camp in Chemnitz und nun in einer Pension in Leipzig. Seit er weiß, dass er bleiben darf, sucht er seine eigenen vier Wände – will mit seinem Bruder Anas in eine WG ziehen. Doch auch mit Aufenthaltsgenehmigung ist es für die beiden alles andere als einfach, sich auf dem deutschen Wohnungsmarkt zurechtzufinden.

Eyad: In the Internet and the Websites it was all in deutsch. You need someone to guide you in this.

Im Internet sind alle Webseiten auf Deutsch. Man braucht jemanden, der einem hilft, sich damit zurechtzufinden.

Die Sprache ist das eine Problem –die Bürokratie das andere. Und genau da setzt eine Leipziger Initiative an: Die Wohnungspaten. Vermittler zwischen Geflüchteten, Vermietern und Ämtern. Alexander Schwarz ist so ein Wohnungspate. Eigentlich ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der juristischen Fakultät der Uni Leipzig. Heute begleitet er Eyad bei der Wohnungsbesichtigung, hilft als Übersetzer und ist für beide Seiten – besonders aber für den Vermieter – eine Art Vertrauensperson. Denn einige Vermieter haben Bedenken, ihre Wohnungen Flüchtlingen anzuvertrauen.

Alexander Schwarz: Dass die das Gefühl haben, da gibt es einen Ansprechpartner, der nicht nur ihre Sprache spricht, sondern auch die üblichen Gepflogenheiten kennt, der weiß, wie das hier läuft, der sich darum kümmert, dass der Vertrag geschlossen wird, der sich darum kümmert, dass vom Sozialamt und der Ausländerbehörde die entsprechenden Gelder auch fließen, dass die Kaution bezahlt wird. Nicht, dass wir uns dafür verbürgen rechtlich. Aber wir sorgen dafür, dass alles relativ schnell und unbürokratisch seinen Gang geht.

Die Idee zu dem Projekt hatte der Pfarrer der evangelischen Petersgemeinde Leipzig, Andreas Dohrn. Er selbst brachte eine syrische Familie im Pfarrhaus seiner Gemeinde unter – mit allen bürokratischen Dingen, die dazu gehören. Was einmal klappt, muss auch öfter klappen, dachte er sich und entwickelte eine Internetplattform, die alle Beteiligten in ein Boot holt: Geflüchtete, Vermieter, Übersetzer und Wohnungspaten können sich auf „Fluechtlingswohnungen.org“ mit ein paar Klicks untereinander vernetzen.

Sein Ziel: 50 Flüchtlinge pro Woche aus den Gemeinschaftsunterkünften herauszuholen, in Wohnungen zu vermitteln und mit Möbeln auszustatten.

Pfarrer Andreas Dohrn: Ich brauche jede Woche 150 Wohnungsbesichtigungen, das heißt ich brauche 500 Wohnungspatenschaften innerhalb von 10 Wochen, ich brauche entsprechend 50 Möbeltransporter, ich brauche 50 Erstausstattungen von Möbeln und skalierbar heißt, dass man Komponenten entwickelt, die in dieser Frequenz funktionieren.

Diese „Komponenten“ sammeln sich auf seinem Portal: Insgesamt sind schon 230 Anmeldungen eingegangen. Verschiedene Teams konnten sich daraus bilden – ganz unbürokratisch, wie Wohnungspate Alexander Schwarz berichten kann:

Alexander Schwarz: Sehr schnell, innerhalb von drei Tagen habe ich die erste Rückmeldung bekommen für einen ersten Wohnungsbesuch mit zwei Geflüchteten, habe sofort Adressen zugeteilt bekommen von Dolmetschern, der Vermieterin, dem Makler und den Telefonnummern der Geflüchteten und innerhalb von zwei Tagen war ich Wohnungspate.

Wenige Tage später steht er mit Eyad in der kleinen Zweiraumwohnung.

Alexander Schwarz: Ist es möglich, hier zu renovieren, beziehungsweise soll das von dem Mieter gemacht werden?

Maklerin: Gestrichen ist, nur der Fußboden ist eben nicht so der Hammer. Aber das müssen wir vielleicht noch abklären, was geändert wird. Im Schlafzimmer ist ja auch noch eine Beschädigung drin und das würden wir dann bestimmt noch ändern.

Die Stimmung zwischen Vermieterin, Flüchtling und Wohnungspate ist gut – kommuniziert wird auf Augenhöhe. So sollte es laufen. Andreas Dohrn:

Andreas Dohrn: Der französische Soziologe Bordieu hat es so formuliert, wir sind auf der Ebene von symbolischem Kapital. Das heißt, was unsere Wohnungspaten schaffen, ist, im Idealfall, schon ab dem Moment, wo die Geflüchteten eine Wohnung suchen, sie auf Augenhöhe zu bringen mit dem Wohnungsmarkt, mit Vermietern und mit anderen Mietinteressenten. Sie nicht besser und nicht schlechter zu stellen wie alle anderen.

Wenige Straßen weiter – Leipzig Nord-Ost. Eine Erdgeschosswohnung – zwei Zimmer, Küche, Bad – noch sehr dürftig eingerichtet: Ein Schlafsofa, ein Couchtisch, vier Stühle, eine Einbauküche, sonst nichts. Hier wohnen Rim und Jalal, ein junges Ehepaar aus Syrien. Vor knapp zwei Wochen haben die beiden über Pfarrer Dohrns Projekt den Schlüssel zu ihrer eigenen Wohnung bekommen. Jalal weiß, ohne die Wohnungspaten hätte das nicht so einfach geklappt.

Jalal: We were lucky that we found this group helping refugees in Leipzig. We solved the apartments and it was so good for us. Then they helpes us in the Jobcenter in bring all the papers for us. And almost we didn’t do anything. They did all the job.

Wir hatten Glück, dass wir diese Gruppe gefunden haben. Wir haben die Wohnung gefunden und das war so gut für uns. Dann haben sie uns im Jobcenter geholfen, haben alle Papiere zusammen getragen. Wir haben fast nichts gemacht – sie haben die ganze Arbeit geleistet.

Insgesamt konnte das Team um Pfarrer Dohrn schon 10 Mietverträge für Flüchtlinge abschließen. Inzwischen kommen sogar Anrufe von Menschen aus der ganzen Bundesrepublik, die sich ehrenamtlich engagieren möchten oder auch in anderen Städten und Kommunen Wohnungen zu vermieten haben. Ein Projekt mit großem Potenzial.

Andreas Dohrn: Die Plattform ist natürlich von Anfang an so angelegt, dass man sie in jeder Kommune nehmen kann und dass sie einem tatsächlich auch weiterhilft. Dass da auch Knowhow drin steckt, wie zu Wohnungspaten kommt, wie man Kontakt mit Geflüchteten aufbaut, wie das mit den Vermietern ist, welche rechtlichen und anderen Hintergründe es gibt.

Erfahrungen, die weit über Leipzig hinaus Wirkung zeigen können – nicht nur für den Wohnungsmarkt, sondern auch ganz persönlich – wie Rim mit einem Strahlen in den Augen berichtet:

Rim (in gebrochenem Deutsch): Wir sind sehr glücklich jetzt. Wir haben eine Wohnung. Und wir haben ein neue schöne Life. Leben. Entschuldigung. Wir erwarten die erste Kind. Jetzt ich bin in die erste Monat. Und ich glaube alles, alles gut.

 

 

 

 

Silhouettenfilm: Der Mann, der die Schatten tanzen lässt

Veröffentlicht bei SPIEGEL ONLINE am 11.08.2015

Das Sandmännchen, Krabat, lebende Tintenkleckse: Mit Papier und Schere erschafft Klausjörg Herrmann ganze Traumwelten. Seine Kunst sind Schattenfilme – was er kann, kann sonst fast niemand mehr.

Konzentriert beugt sich der Mann mit dem Rauschebart über den Tisch. Die einzige Helligkeit in dem Studio stammt von seiner Stirnlampe – und der Lichtquelle unter der gläsernen Tischplatte. Mit seinen Händen erweckt Klausjörg Herrmann behutsam schwarze Pappfiguren zum Leben: Eilig überquert eine Kutsche eine Brücke. Zügig zieht das vorgespannte Pferd das schwer beladene Gefährt voran. Währenddessen macht es sich darin eine vornehme Dame bequem. Ihre Koffer hüpfen auf und ab.

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Klausjörg Herrmann am Lichttisch, Foto: Stefanie Becker

Herrmann zieht sachte an dem Pferdekopf und bewegt so die Kutsche einen Millimeter vorwärts. Dann drückt er einen Knopf an seinem Glastisch. Darüber hängt eine Kamera. Klick. Er bewegt die Kutsche einen weiteren Millimeter vorwärts. Wieder Klick.

Die Kutschfahrt ist eine besonders schwierige Szene, die Herrmanns volle Konzentration erfordert. „Die Kutsche braucht eine gleichmäßige Bewegung“, erklärt er. „Das Pferd läuft aber mal schneller und mal langsamer. Dazu ist die Brücke auch noch uneben und das muss ich durch Millimeterarbeit ausgleichen.“

1500 Fotos muss Herrmann für eine Filmminute machen. Zehn bis 20 Sekunden Film produziert er auf diese Weise am Tag.

In derart mühevoller Kleinarbeit stellt Klausjörg Herrmann Silhouettenfilme, auch Schattenfilme genannt, her. In seinem Atelier im sächsischen Kreischa nahe Dresden haucht er den Pappfiguren Leben ein – sorgfältig aufgezeichnet, vorsichtig ausgeschnitten und von Hand animiert. Bis auf wenige Hilfsarbeiten erledigt er diese Handgriffe allein. Heimische Märchen und Sagen sind sein Lieblingsthema. Seine Geschichten erzählen beispielsweise von der sorbischen Volkssage Krabat.

Schon als kleiner Junge war Herrmann fasziniert vom Schattenfilm. 1941 in Dresden geboren, wuchs er als Sohn eines Kriminalexperten auf. Als 13-Jähriger sah er 1954 im Kino den Silhouettenfilm „Der Teufel und der Drescher“ – die Verfilmung einer mecklenburgischen Sage, in der der Teufel sich als alter, gebrechlicher Gesell ausgibt, der einen hartherzigen Edelmann überlistet. „Diese Stimmung des Grau in Grau, die Schwarzweiß-Töne, das passte einfach alles so gut zusammen, dass ich mir gedacht habe: So etwas musst du auch mal machen!“

Ein Jahr später begann Herrmann allerdings zunächst eine Tischlerlehre. Nebenbei trat er mit einem Puppentheater auf. Erst später bewarb er sich erfolgreich bei der Deutschen Film AG (DEFA), dem volkseigenen Filmunternehmen der DDR. Das DEFA-eigene Trickfilmstudio entwickelte und produzierte seine geliebten Schattenfilme. Neben Puppentrick und Zeichenanimation war der Scherenschnitt zu DDR-Zeiten eine angesehene Kunst. Die Trickfilmer des Arbeiter- und Bauernstaates waren die einzigen auf der Welt, die die Silhouettenkunst beherrschten.

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Klausjörg Herrmann schneidet seine Figuren mit der Hand aus, Foto: Stefanie Becker

Im Trickfilmstudio der DEFA lernte Herrmann den Silhouettenmeister Bruno J. Böttge kennen, der Herrmann einst mit seinem Film „Der Teufel und der Drescher“ für die Welt der Schattenfilme begeistert hatte. Böttge brachte seinem Schüler jeden Trick der Schattenfilmkunst bei.

1981 verließ Herrmann das Studio, um sich selbstständig zu machen. Sein Mentor Böttge war verstorben und er wollte nicht weiter sogenannte Anlassfilme produzieren – also Propagandastreifen anlässlich des Maifeiertags oder des Tags der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. Er wollte viel lieber seine Fantasie spielen lassen und Märchen und Sagen verfilmen. Doch waren die Aufträge rar. 1982 wurden allerdings die Macher der Kultserie „Sandmännchen“ auf ihn aufmerksam. Herrmann produzierte nun Animationsfilme für die Serie und erhielt auch wieder Aufträge von der DEFA.Nach dem Fall der Mauer 1989 wurde das DEFA-Trickfilmstudio aufgelöst. Seither ist Herrmann einer der letzten „Meister der Schatten“. Mittlerweile arbeitet er in seinem eigenen Studio, einer ehemaligen Gärtnerei. Geld sei mit seiner Leidenschaft für den Silhouettenfilm nicht zu verdienen, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. Für seinen Lebensunterhalt produziert er Imagefilme und unterrichtet Filmstudenten in der Legetechnik des Schattenfilms.

Momentan arbeitet Klausjörg Herrmann an einem Film in Kinolänge – einer Mischung aus Silhouettentrick, Spielfilm und 3D-Animation, in dem zwei Tintenkleckse in ein Buch fallen und darin zum Leben erwachen. Dann geht es los: Sie fressen sich durch Buchstabenberge und werden deswegen von Bibliothekaren gejagt. Bis sie irgendwann in der digitalen Welt landen und spannende Abenteuer bestehen müssen. In drei Jahren soll der Film fertig sein – und mit etwas Glück im Kinderfernsehen zu sehen sein.

Mittlerweile steht Herrmann seit über 50 Jahren täglich an seiner Trickbank. „Mich fasziniert einfach, dass ich nur mit einer Schere und etwas schwarzem Papier alles darstellen kann, was ich will.“ Ans Aufhören denkt er nicht: „Wenn ich aufhöre, macht es ja keiner mehr.“

 

DDR-Computer-Sammler: Jäger der verlorenen Technik

Veröffentlicht bei SPIEGEL ONLINE am 08.03.2015

In DDR-Ruinen finden sie ihre Beute. Ein paar Technikbegeisterte retten Computer des Arbeiter- und Bauernstaates vor dem Verfall. In einem heruntergekommenen Ferienheim entdeckten sie einen besonderen Schatz.

20 Jahre lang rottete das Gebäude vor sich hin. „Türen und Fenster fehlten, Wasser tropfte von der Decke, in den Zimmern wuchsen Moose und Farne“, erinnert sich Rüdiger Kurth. „Überall lagen Haufen mit den zertrümmerten Überresten des Mobiliars. An den Wänden wucherte der Schimmelpilz.“ Trotzdem zog es Kurth und seine Mitstreiter 2014 in das verfallende Ferienheim des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Irgendwo in dieser Hinterlassenschaft der untergegangenen DDR vermuteten sie einen wahren Schatz.

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Der Polyplay – neuester Schatz der Digital AG, Foto: Stefanie Becker

Und sie fanden ihn: den Bildschirm und Teile des Gehäuses eines „Polyplay“. In der DDR galt der „Polyplay“ als eine Legende. Er war in seinem glänzenden Holzkorpus mit 50-Pfennig-Geldeinwurfschlitz und Joystick der einzige Videospielautomat des Arbeiter- und Bauernstaates. In knallig-bunten Farben leuchtete der Schriftzug „Polyplay“ über dem Bildschirm. Lediglich rund 2000 dieser Geräte verließen die Hallen des VEB Polytechnik in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. Die meisten sind verschollen, lediglich drei solcher Geräte befinden sich in Berlin und Karlsruhe.

Zehn Monate später steht das seltene Stück restauriert hinter der Schiebetür eines alten Getränkemarkts in Halle an der Saale. Dahinter stapeln sich Kabel, Monitore und Computeranlagen: Auf über 600 Quadratmetern lagert die sogenannte Digital AG hier ausrangierte DDR-Rechentechnik. In einer Ecke blinkt das neueste Objekt der Sammlung. „Er ist jetzt soweit, dass er wieder funktioniert“, verkündet Ronny Kunze – und schaltet das Gerät ein. Doch etwas geht schief. Der Rechner stürzt ab.

Seit 19 Jahren rettet Kunze zusammen mit seinen Kollegen von der Digital AG alte DDR-Computer, die normalerweise auf dem Schrottplatz landen – von kleinen Bürogeräten bis hin zu Steuerungsanlagen von Kraftwerken. Im ehemaligen Getränkemarkt wird gesammelt, repariert und ausgestellt. Anfangs trafen sich nur ein paar Schüler, die sich für Elektronik interessierten, im Plattenbauviertel Halle-Silberhöhe. Sie schleppten immer wieder neue, zentnerschwere Rechner vom Sperrmüll nach Hause, um sie zu reparieren. Mit der Zeit kamen immer mehr Technikretter dazu. Inzwischen zählt die Gruppe neun Mitglieder. Aus einem Schülerhobby wurde Besessenheit.

„Uns geht es darum, die Geräte vorm Aussterben zu bewahren, denn wir sehen sie als einen Teil der Industriekultur an, die es zu erhalten gilt“, meint Rüdiger Kurth. Jeden Freitagabend reist er aus dem sächsischen Crimmitschau an, um zu löten, schrauben und basteln. Eigentlich ist er Automobilentwickler. Seine Kenntnisse über Rechentechnik hat er sich selbst angeeignet: „Bei vielen Geräten gibt es gar nichts, woran wir uns orientieren können, da müssen wir improvisieren. Aber bei den Robotrongeräten war es üblich, dass auch technische Dokumentationen und Unterlagen mitgeliefert wurden, und die helfen uns enorm bei der Wiederherstellung.“

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Ronny Kunze: Reparieren ist unser Kick, Foto: Stefanie Becker

Diese Unterlagen stapeln sich in einer anderen Ecke der Halle. Dazwischen steht Gerhard Just, der sie durchblättert, sortiert und studiert. Der ehemalige Dozent der Technischen Hochschule Merseburg ist ungefähr doppelt so alt wie seine jungen Kollegen. „Ich hatte, das muss 1962 oder 1963 gewesen sein, das erste Mal mit einem Computer zu tun“, meint Just. Seither faszinieren ihn diese Geräte. Mit seinen mehr als 80 Jahren beschäftigt sich Just immer noch täglich mit alter Rechentechnik.

Um die Sammlung immer weiter zu vergrößern, gehen die Jungs mehrmals im Jahr auf „Industrie-Exkursionen“. In stillgelegten Betrieben finden sie technische Überbleibsel. Früher konnten die Sammler die Fabriken einfach aufsuchen und fragen, ob sie die Technik mitnehmen durften. Doch derart unberührte Gelände sind 25 Jahre nach der Wende selten geworden.

Deswegen liegt ein großer Stapel alter Telex-Bücher auf einem Tisch in der Ecke der Werkstatt: „Telex“ war ein System zur Textnachrichtenübermittlung per Fernschreiber. „Wir filtern die Einträge nach Volkseigenen Betrieben oder wissenschaftlichen Zentren und erfassen diese in einer Liste, die inzwischen 27.000 Einträge hat“, erklärt Sebastian Czech. „Dann vergleichen wir mit Luftbildern, ob überhaupt noch etwas da steht, nehmen die GPS-Daten und fahren hin.“ Vor Ort beginnt die Suche in den DDR-Ruinen. Die Industriegebäude sind oft schwer zugänglich, die Hallen heruntergekommen und teilweise einsturzgefährdet.

So war es auch bei der Bergung des Spielecomputers „Polyplay“: Schon lange hatte sich die Digital AG eines der seltenen Geräte für ihre Sammlung gewünscht. Der Zufall spielte ihnen in die Hände: Im Internet entdeckten sie die Aufnahme eines unbekannten Ruinenfotografen, das unverkennbar eine auf dem Fußboden liegende Gehäuseblende des Polyplay zeigte. Die Digital AG ermittelte den Standort und fuhr hin. Wo genau das war, bleibt ein Geheimnis. Weitere DDR-Technik harrt dort auf ihre Bergung

Haben die Jungs in den Ruinen die Rechenzentren gefunden, müssen sie die schwere Technik über kaputte Wege und Geröll zum Auto schleppen. In Wäschekörben sammeln sie Einzelteile, für Großrechner organisieren sie einen Transporter. In ihrer Werkstatt im alten Getränkemarkt angekommen, nehmen sie jedes Einzelteil unter die Lupe, reinigen es, suchen nach Ersatzteilen und bauen die Rechner wieder zusammen.

So wie den „Polyplay“: Auf dem Bildschirm erscheint ein Flackern. Der Rechner springt an, die Soundanlage dudelt eine Melodie der Achtzigerjahre. Ronny Kunze und Rüdiger Kurth strahlen: „Uns macht das Reparieren einfach Freude. Das ist unser Kick.“

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Sie laufen wieder: Restaurierte Rechner im Technikmuseum der Digital AG, Foto: Stefanie Becker

Von Beruf Meerjungfrau: Oben Mensch, unten Flosse

Veröffentlicht bei SPIEGEL ONLINE am 16.02.2015

Sie war eine Krankenschwester mit Burn-out. Jetzt ist sie Profi-Nixe. Sabine Schönborn lernt im Schwimmbad neue Meerjungfrauen an. Mit Glitterbikini und Funkelflosse verdient sie so viel wie nie.

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Nixen tummeln sich im Freizeitbad, Foto: Stefanie Becker

Früher trug Sabine Schönborn, 34, bei der Arbeit einen weißen Kittel und Gesundheitsclogs. Acht Stunden Dienst, oft in Wechselschichten, dann schleppte sie sich müde nach Hause. Das war einmal. Heute braucht die gelernte Krankenschwester im Job Bikini und Flossen. Beruf: Meerjungfrau.

Gibt’s doch gar nicht? Und ob. Nach einem Burn-out tauchte Schönborn zunächst für sechs Monate ab und dann als Nixe wieder auf. Nun tummelt sie sich wöchentlich 30 Stunden im Wasser – und bringt kleinen verträumten Arielles das Schwimmen bei.

Ein Freizeitbad nahe Leipzig: Sabine Schönborn zwängt ihre Füße in eine blau-lila schillernde Schwimmflosse und zieht das Schuppenkleid wie Leggings bis zum Bauchnabel hoch. Im blonden Haar stecken lila Plastikblumen, das Gesicht ist dezent geschminkt. Das gehört zum Outfit: Meerjungfrauen müssen hübsch aussehen. Vor Kursbeginn hat sie sich noch eine dicke Schicht Haarspray ins Gesicht gesprüht. So wird das Make-up wasserfest.

Die Nixe gleitet ins Wasser, macht ihren Körper ganz lang, streckt die Arme, taucht in die Tiefe. Elegant sieht das aus. Die Blume im Haar ist nur noch ein Schatten, die Schuppen ihres Schwanzes glitzern im Wasser. Die lange Flosse schwingt auf und ab. „Mermaiding ist für mich wie Schweben“, schwärmt Schönborn. „Abtauchen, einfach genießen!“ Bevor sie sich in ein Fabelwesen verwandelte, hat sie sich oft nach Ruhe gesehnt. 16 Jahre lang arbeitete sie in einer psychiatrischen Klinik, bis sie mit Burn-out zusammenklappte. Nach der Therapie sagte sie: „Da will ich nie wieder hin.“ Doch was tun?

Als junge Frau hatte Schönborn nebenberuflich Babyschwimmkurse gegeben. Könnte die Vergangenheit vielleicht die Zukunft sein? „Mit den Kleinen haben wir regelmäßig Fotoshootings in lustigen Kostümen gemacht. Die größeren Geschwister quengelten, sie wollten auch solche Bilder haben“, erinnert sich die Trainerin. Sie surfte im Internet, entdeckte Kostüme für Meerjungfrauen. Und ging sofort shoppen. Am Ende lagen 20 Flossen in vier Farben und drei Größen im Warenkorb. Sie überlegte nicht lange und drückte auf den Kauf-Button.

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Trocknende Meerjungfrauenflossen, Foto: Stefanie Becker

 1500 Euro, das war ihr Startkapital. Vor acht Monaten gründete sie ihre Meerjungfrauenschule, probte zunächst mit ihren Töchtern im nahen Schwimmbad und lernte ihre erste Lektion: Nixe sein ist nicht leicht. Der farbenfrohe Fischschwanz – eine Monoflosse, die sonst nur Taucher benutzen – saugte sich mit Wasser voll. Mit einem Vier-Kilo-Klotz am Bein und verschnürten Füßen rauschte sie ab in die Tiefe.

Jetzt sitzt Praktikantin Johanna, 18, in voller Meerjungfrauenmontur am Beckenrand und erklärt: „Ihr streckt die Arme nach vorn und schwimmt in gleichmäßigen Wellenbewegungen – wie ein Delfin.“ Zehn Mädchen lauschen gespannt. „Zuerst zieht es einen runter. Man braucht viel Kraft. Aber je länger man die Flosse trägt, desto besser funktioniert es.“ Nach zwanzig Minuten haben die Meerjungfrauenmädels die wichtigsten Bewegungen gelernt.

Luisa, 11, kommt aus Nordrhein-Westfalen, heute hat sie ihre erste Nixenstunde. Passend zur grünen Flosse trägt sie grünen Lidschatten und eine grüne Blume im Haar. Unsicher klammert sie sich am Beckenrand fest. Es ist ungewohnt, die Beine nicht öffnen zu können. Im Fernsehen hat sie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ und „Arielle“ gesehen. „So wie die will ich mich auch im Wasser drehen.“ Schrauben, Purzelbäume, Rückwärtssalti. Ihre Mutter Kathrin ist mitgekommen und planscht mit einem rot-goldenen Fischschwanz im Wasser: „Das hat was Mystisches, Unwirkliches. So ganz fern vom Alltag.“

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Mermaid Bine, Foto: Stefanie Becker

Neben dem Becken versammeln sich Neugierige. Eine junge Mutter und ihre kleine Tochter nehmen einen Flyer mit. „Die kommen wahrscheinlich bald wieder“, sagt Schönborn. Inzwischen bietet sie 15 Mermaiding-Kurse in sieben Schwimmbädern in Sachsen und Berlin an, hat schon tausend Mädchen in Meerjungfrauen verwandelt.

Die Idee hat sie nicht exklusiv, inzwischen gibt es Nixenkurse in etlichen großen und kleinen Städten. Das Geschäft floriert: Bis zu 210 Meerjungfrauen trainiert Schönborn jede Woche, meist kleine Mädchen. Manchmal springen auch Väter in einem türkisgrünen Meermannkostüm ins Wasser. Einmal war sogar eine Oma dabei.

Den Spaß lassen sich ihre Kunden etwas kosten: ab 15 Euro pro Stunde, plus Flossenleihgebühr. „Als Meerjungfrau verdiene ich mehr, als ich es mir zu meiner Zeit als Krankenschwester je hätte träumen lassen“, sagt Schönborn. Und weil immer mehr Bäder ihre Kurse buchen wollen, expandiert sie gerade, hat 40 weitere Flossen gekauft und bildet zwei Trainerinnen aus.

Nixen träumen gern. Auch Sabine Schönborn hat viele Wünsche: Sie möchte einen überregionalen Meerjungfrauenklub gründen, eigene Flossen entwerfen, Meisterschaften und Miss-Meerjungfrau-Wahlen veranstalten. „Und ich wünsche mir eine eigene Schwimmhalle.“

Mermaid Bine, so heißt Schönborn bei ihren Freunden. Niemand von ihnen hätte je gedacht, dass man mit Kindheitsträumen Karriere macht.

 

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Drei Meerjungfrauen. Nixentrainerin Sabine Schönborn ist ganz rechts im Bild, Foto: Stefanie Becker

 

Trendsport Mermaiding: Faszination Meerjungfrau

Veröffentlicht am 03.02.2015 im DEUTSCHLANDFUNK KULTUR KOMPRESSOR

In den USA war Mermaiding, also das Schwimmen mit einer künstlichen Meerjungfrauen-Flosse, schon seit dem Film „Splash“ 1984 trendy. Doch seit Serien wie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ über die Bildschirme flimmern, grassiert auch hierzulande das Nixenfieber.

Sabine Schönborn: „Wir versuchen jetzt, ein Stück zu tauchen. Wenn die Luft nicht mehr reicht, kommt ihr einfach wieder hoch. Dann auf die Plätze, fertig, los!“

Es ist ein ungewöhnlicher Anblick, hier im Tieftauchbecken eines Freizeitbades in der Nähe von Leipzig: 14 Mädchen mit großen, bunten Fischflossen gleiten durch das Wasser. Sie tauchen in die Tiefe, drehen sich elegant um sich selbst. Woche für Woche lässt auch Elisabeth sich vom Nixenfieber fesseln.

Elisabeth: „Also ich muss die Flosse, da muss ich den Stoff runterkrempeln, bis ich an die Füße, also wo die Füße reingesteckt werden, und dann muss ich da mit den Füßen rein und dann muss ich den Stoff wieder drüber ziehen und dann fühlt man sich halt, wie wenn man mit Seilen gefesselt ist. Ist aber cool.“

Die Hauptrolle spielt hier die sogenannte Monoflosse, eine Schwimmflosse, die über beide Füße gestülpt wird. Ein daran angenähter Schlauch aus buntem Bikini-Stoff imitiert den Fischschwanz. Geschwommen wird dann im Delphin-Stil – eben wie eine echte Meerjungfrau.

Seit die Trainerin Sabine Schönborn vor knapp zehn Monaten ihre Meerjungfrauenschule eröffnet hat, kann sie sich vor Anfragen kaum retten. Filme und Serien wie „H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ oder Disneys „Arielle“ haben eine Faszination ausgelöst.

Caretta: „Das Schöne war ja an ihr, dass sie so zwei Welten hatte, oder eigentlich so eine ganz andere Welt und die auch so ganz anders war als unsere. Das fand ich immer spannend.“

Luisa: „Das Tolle daran ist, wie die Meerjungfrauen sich unter Wasser bewegen, diese ganzen Drehungen, die sie machen. Das will ich auch ausprobieren.“

Jessica: „Weil das eben so Fantasiewesen sind, weil es die nicht in Echt gibt und es ist schön, sich in die Figur einzuleben.“

Das Kostüm, das Make-up, die Blumen im Haar. Das Styling sitzt. Und dann wird geschwommen: Die Arme sind nach vorn gestreckt, die Flossen schlagen auf und ab.

Das Mermaiding, also Schwimmen mit Nixenflosse, gibt es seit 1984, nachdem der Meerjungfrauen-Film „Splash“ in den Kinos lief und der Kostümmacher des Films die Fischschwänze auch für den privaten Gebrauch anfertigte. In Deutschland ist der Trendsport noch recht neu: Meerjungfrauenschulen gibt es in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Berlin. Und die Nachfrage wächst.

Wesen zwischen biederer Romantik und unnahbarer Erotik

Was fasziniert Mädchen und Frauen aller Altersstufen an dem mythischen Wesen Meerjungfrau? Die Beine in einem Fischleib, damit unten herum geschlechtslos, den Oberkörper dagegen fast nackt – ein Wesen zwischen biederer Romantik und unnahbarer Erotik?

Das Performance-Duo Koikate hat in dem Theaterstück „Ich bin viele“ eben das eigenartige Rollenbild der Meerjungfrau unter die Lupe genommen. Koikate-Performer Sebastian K. König:

„Letzten Endes ist das eine moderne Prinzessinnen-Variante, die statt hübschen Schuhen einen Fischschwanz hat. Und dabei ein Weiblichkeitsmodell verkörpert, dass sehr merkwürdig unzeitgemäß ist. Reduziert gesagt ist es eine Frau, die zwar einen eigenen Antrieb, nämlich diese fette Flosse hat, aber trotzdem auf Hilfe und auf Rettung angewiesen ist.“

Die Mädchen und Frauen hier im Kurs machen sich über das Rollenbild der Meerjungfrauen allerdings keine Gedanken, sie warten nicht auf Rettung, sondern sie wollen für ein paar Stunden in der Woche mal raus aus der Hose und rein in die Flosse. Für sie zählt das Märchenhafte, die Eleganz – und der sportliche Aspekt.

Denn was leicht und schwerelos aussieht, kostet viel Kraft. Johanna ist schon seit einigen Wochen dabei und erinnert sich noch gut an ihre ersten Schwimmversuche.

„Es ist im ersten Moment ziemlich schwer. Man denkt wirklich, man geht erstmal unter, aber je länger man die Flosse trägt, desto besser funktioniert es, denn man hält sich auch besser über Wasser und hat so verschiedene Techniken, die man dann einfach anwendet mit seinen Armen oder man braucht halt wirklich viel Kraft im Oberkörper.“

Nach einer Stunde Schwimmen und Tauchen sind die Meerjungfrauen erschöpft und müde. Die elfjährige Jessica freut sich, dass sie sich am Ende der Stunde wieder in ein ganz normales Mädchen zurückverwandeln kann – ohne dass ein Prinz sie erretten muss:

„Wenn man dann doch ein bisschen länger drin ist, tut das ein bisschen weh und dann am Ende ist das doch schön, wenn man die dann wieder aushat, weil man muss ja die ganze Zeit die Beine so zusammendrücken und das ist total toll jetzt ohne Flosse erstmal.“

Für einen zeitgemäßen Umgang mit den alten Geschlechterbildern spricht, dass bei Trainerin Sabine Schönborn auch schon Jungs Kurse belegt haben.