Alternate Reality Games: Jeden Tag Schnitzeljagd

Veröffentlicht bei Deutschlandfunk Kultur am 19.12.2014

Einmal die Hauptfigur in einer Geschichte sein – Alternate Reality Games machen’s möglich. Dabei werden die Spieler mit Hinweisen in fiktive Rätsel und Kriminalfälle verwickelt. Pünktlich zu Weihnachten gibt es so ein Spiel auch für Kinder.

„Sehr geehrte Frau Fronemann, seien Sie nicht verwundert, warum Sie am heutigen Tag Post aus der Ferne erhalten. Ich werde mich sogleich erklären.“

Priska Fronemann erhält seit ein paar Tagen mysteriöse Briefe und SMS von einem unbekannten Absender. Heute zum Beispiel: Ein Brief aus Amerika, darin, Notenblätter und eine geheimnisvolle alte Partitur:

„Durch diese Partitur wird der Herr Damrosch, der die Partitur bei seinem Großvater gefunden hat, von einem Geist heimgesucht. Hier: ‚Oh Schreck, seit jenem Tag verbringe ich keine ruhige Nacht.'“

Hinter diesem Brief steckt Thadeus Roth – ein kleines Unternehmen aus Leipzig. Ihr Geschäft: Menschen in fiktive Rätsel und Kriminalfälle zu verstricken. Suddenlife Gaming nennt sich diese Art des Storytellings. Oder auch: Alternate Reality Gaming – ein Spiel zwischen Realität und Fiktion, das den Spieler über verschiedene Medien in eine Parallelwelt entführen möchte.

„Das heißt über SMS, Anrufe, Post, Internet, werden sie in die Geschichte rein gezogen, können sie selbst beeinflussen und können sie auch mal zu einem guten Ende bringen,“

sagt Dennis Levin, einer der Geschäftsführer von Thadeus Roth. Das bekannteste und wohl medienwirksamste Alternate Reality Game war die Promotion-Kampagne zu Steven Spielbergs Film Artificial Intelligence aus dem Jahr 2001. Für den Film wurden rund 40 Webseiten eingerichtet, um eine virtuelle Parallelwelt zu erschaffen und Menschen in die Kinos zu locken.

Der Anspruch der Leipziger ist ein anderer: Dennis Levin und seine Kollegen wollen Geschichten erzählen. Thadeus Roth, ihr Namensgeber, war schon in den sechziger Jahren ein Geschichtenerzähler und „Streichespieler“. Schon er benutzte das Prinzip des transmedialen Storytellings.

„Der Name Thadeus Roth steht für alles, was man an der Grenze zwischen Realität und Fiktion veranstalten kann. Wobei man damals mit anderen Medien gearbeitet hat. Man hat Werbeplakate genommen und diese Werbeplakate entfremdet.“

Diese Kunst, Geschichten über Medien zu erzählen, hat die Leipziger inspiriert:

„Man hat mit Bekanntem gearbeitet und aus diesem Bekannten was Neues gemacht und in einen neuen Kontext gestellt und ein bisschen arbeiten wir ja auch so. „

Nur benutzen sie heute eben die neuen Technologien: SMS, Mobiltelefone, Internet. Wie zum Beispiel in der gerade aktuellen Geschichte für Kinder. Für sie hat Thadeus Roth einen Kosmos rund um die Nordpol AG, die Firma des Weihnachtsmanns, gesponnen:

„Wir haben uns vorgenommen, diesen Kosmos immer größer werden zu lassen. Zum Beispiel gibt es seit kurzem eine Website der Nordpol AG, die man besuchen kann. Das heißt, wir haben eine Spielwelt entwickelt, die immer größer wird und immer reicher wird.“

Der Spieler wird in diese Spielwelt entführt, er bekommt SMS und Anrufe oder Briefe mit täuschend echt gestalteten Briefköpfen, Poststempeln und Briefmarken aus Übersee. Bei seiner Recherche landet er dann auf den Webseiten, die Thadeus Roth selbst ins Netz gestellt hat.

Die Parallelwelt so ist perfekt inszeniert, dass der Spieler manchmal gar nicht recht weiß, ob die Nachricht, die er gerade in der Hand hält nun echt ist, oder zum Spiel gehört.

„Wir glauben, wenn man mit guten Geschichten durch den Alltag geht, bekommt man auch für das ganz Reale einen anderen Blick. … Man geht mit einem bisschen anderen Gefühl zum Briefkasten, das Telefon klingelt zu einer ungewöhnlichen Uhrzeit und man fragt sich – ist das jetzt wieder diese Geschichte? Das heißt der Blick auf das Wahre und auf die Geschichte weitet sich und dadurch bekommt man auch eine neue Perspektive auf das Gewohnte.“

 

Ausgezeichnet: KAUSA Medienpreis!

Das multimediale Abschlussprojekt unseres Volontariatsjahrgangs „Unsere bunte Heimat“ wurde gestern in Berlin durch eine besondere Anerkennung durch die Jury des KAUSA Medienpreises geehrt.

KAUSA Medienpreis

Mit dem KAUSA Medienpreis zeichnete das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Journalisten in diesem Jahr zum vierten Mal für eine ausgewogene und objektive Berichterstattung über Menschen mit Migrationshintergrund und ihre Bildungswege aus. Das Thema in diesem Jahr: „Macht sie sichtbar! Bildungswege von Migrantinnen und Migranten“.

Mit der neu eingeführten Rubrik „Multimedia“ zeigt  die Verleihung außerdem, dass die „neuen Wege des Journalismus“ die klassischen Medien Print, Radio und Fernsehen ergänzen.

Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung und bedanken uns bei allen Protagonisten, Betreuern, Kameraleuten, Assistenten und Cuttern, die dieses Projekt so erfolgreich mitgestaltet haben!

 

Schausteller: Ein Leben auf der Reise

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 22 (Jan/Feb/März 2011)

Die Leipziger Kleinmesse verführt drei Mal im Jahr kleines und großes Publikum – und das seit über 100 Jahren. Was für den Besucher ein besonderes Highlight ist, ist für die Schausteller Lebensalltag zwischen Reise und Schulwechseln, Wohnwagen und Bildung auf Rädern.

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Riesenrad auf der Leipziger Kleinmesse, Foto: Stefanie Becker

Die Lichter blinken, die Beats der Charts dröhnen aus den Boxen und eine Stimme preist Lose an – zu gewinnen gibt es Kuscheltiere, Stereoanlagen und andere Kinkerlitzchen, die man nicht braucht, aber auf einmal unbedingt haben will. Eine Ecke weiter: Der Musik-Express. Schreie der Begeisterung gellen aus dem künstlichen Nebel. Auch hier eine Stimme aus dem Nichts, die den jungen Leuten auf den Sitzen wieder und wieder einheizt – eine Runde noch. Und noch eine. Und rückwärts. An einer anderen Ecke, bedrohlich um sich schauend und laut grölend, steht King Kong. Langsam dreht er seinen schweren Kopf von links nach rechts.

An King Kong muss man vorbei, um zu Fred Hofmanns „Action World“ zu gelangen. Fred Hofmann ist Schausteller – schon in der sechsten Generation – und zweiter Vorsitzender des Leipziger Schaustellervereins. Sein Leben ist ein Leben „auf der Reise“, wie er es nennt. Ein Leben im zwölf Meter langen Wohnwagen, seinem Zuhause für mindestens neun Monate im Jahr. Ein Leben, das bestimmt ist durch Ortswechsel, seit er denken kann. Über hundert Schulen habe er besucht, erzählt er. Meistens nur für wenige Tage, dann ging es weiter – in die nächste Stadt, auf die nächste Kirmes, zum nächsten Weihnachtsmarkt, in die nächste Schule. Zur Ruhe kommt er nur im Winter – da wartet das Haus der Familie in Eisenach. Aber auch hier denkt er schon an die nächste Reise: Neue Attraktionen planen, die Top-Plätze für die nächste Saison sichern, die Buchführung erledigen.

Seine Frau Eva Maria hat er auf der Reise kennen gelernt. Schon als Kinder waren sie oft zusammen unterwegs. Auch Eva Maria ist Schaustellerin seit der sechsten Generation. Im Gegensatz zu vielen anderen Schaustellern hat sie allerdings vier Jahre an einem festen Wohnsitz hinter sich um ihr Abtur weit weg von der Familie auf einem Internat zu machen. Wobei sie jedes Wochenende hinter ihrer Familie hergereist ist, um am Puls der Kleinmessen und Kirmessen zu sein. Sie kann sich ein Leben an einem festen Ort gar nicht vorstellen. „Ich freue mich immer auf die paar Monate in unserem Haus in Eisenach – aber wenn dann die ersten Sonnenstrahlen kommen, muss ich wieder raus“. Sogar auf Ihr Studium verzichtete sie, als sie sich in ihren Fred verliebte und beschloss, mit ihm auf der Reise zu bleiben.

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Ein Irrhaus (nicht Irrenhaus!) in der Villa Kunterbunt, Foto: Stefanie Becker

Die Kinder der Hofmanns sind ebenfalls Schausteller und auch die Zukunft der Enkel ist schon vorgezeichnet – Klar, auch sie werden ihr Leben auf der Reise verbringen. „Sie sollen zuerst einen richtigen Beruf erlernen und danach – klar – übernehmen sie ein Schaustellergeschäft“, erzählen die Hofmanns nicht ohne Stolz. Die Schulzeit der Schaustellerkinder ist abenteuerlich und nicht immer leicht. 20 bis 30 Mal pro Jahr wechseln sie die Schulen. Was zu DDR-Zeiten wegen des einheitliches Lehrplans noch relativ problemlos war, ist heute weitaus komplizierter: Die Schulbildung ist Ländersache und die Kinder müssen sich immer wieder schnell in den neuen Stoff einarbeiten. Ein Reiselehrer betreut die Schaustellerkinder und gibt jeden Tag von 14.00-18.00 Uhr Unterricht und bringt die Kinder auf den neuesten Stand. „Unsere Kinder müssen eine schnelle Auffassungsgabe haben und besonders aufgeweckt sein“, erzählt Fred Hofmann.

Die Ladie’s Night an der Leipziger Kleinmesse wird ausgerufen, der Tumult an Hofmannschen Stand beginnt und eine der Enkelinnen kommt zu Hofmanns „Action World“ gelaufen – ihre Freundinnen im Schlepptau. Rechenkönigin sei sie geworden, erzählt sie stolz und schon rennt sie weiter, die Freundinnen hinterher.

 

Ein F mit 7,8 Tonnen: Der Carillonneur von Berlin

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 21 (Okt/Nov/Dez 2010)

Glocken ertönen über den Tiergarten von Berlin-Mitte. Berlin-Mitte? Was hat Berlin-Mitte mit dem Kunststoff-Kulturmagazin aus Mitteldeutschland zu tun? Richtig. Nichts. Aber für diese Geschichte müssen wir den Bogen weiter spannen. Denn in Berlin-Mitte spielt Jeffrey Bossin das von ihm selbst mitentworfene Glockenspiel – das Carillon des Großen Turms am Tiergarten. Doch – und hier schließt sich der Kreis – zu besonderen Anlässen kommt Jeffrey Bossin auch nach Mitteldeutschland, um das drittgrößte Carillon der Welt, das Glockenspiel im Roten Turm von Halle, zu spielen.

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Mit Fingerschutz spielt Jeffrey Bossin sein Carillon, Foto: Stefanie Becker

Also zurück zum Text: Glocken ertönen über den Tiergarten von Berlin-Mitte. Jeffrey Bossin sitzt, vertieft in die Wassermusik von Georg-Friedrich Händel, an seinem Instrument, welches aussieht, wie eine überdimensionale Orgel. Die kleinen Finger in Lederschutz gepackt schlägt er mit geballten Fäusten und Füßen die großen Klöppel des Carillonspieltisches und lässt 68 Glocken erklingen. Ein Carillon ist laut Definition die französische Bezeichnung für ein „Turmglockenspiel“, welches ursprünglich aus Belgien, den Niederlanden und Nordfrankreich stammt. Das erste genau gestimmte Carillon wurde 1652 in den Niederlanden gebaut, wo auch heute noch, neben Belgien und den USA, die meisten von ihnen stehen. Die meisten der europäischen Glockentürme gehören zu Kirchen oder Rathaustürmen und stehen mitten in der Stadt – umgeben von Straßenlärm, Marktgetümmel und Alltagshektik. Dass dort oben in den Türmen oftmals großartige Instrumente schlummern, fällt dem vorbeihetzenden Passanten gar nicht auf.

In Berlin ist das anders: Hier steht der Glockenturm, ohne Rathaus und Kirche, mitten im Park an der Spree. Jeffrey Bossin, geboren 1950 in Kalifornien, hat die Carillonneurskultur aus Amerika reimportiert und konzertfähig gemacht. „In Amerika stehen die Carillons meist auf großen freien Wiesen, nicht so wie in Europa mitten in der Stadt“, erklärt er. „So können die Leute einfach mit ihren Picknickkörben auf dem Gras liegen und ein Open Air Konzert hören. Das wollte ich in Deutschland auch erreichen“.

Bossin, der an seiner Uni in Kalifornien eine Ausbildung zum Carrillonneur machte, kam 1984 als Austauschstudent nach Berlin, um seine Deutschkenntnisse aufzubessern. Hier, dachte er, müsse man ein Carillon bauen – und schlug das dem Berliner Senat anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt vor. Auf die Reaktion („Wieso?“) war Bossin vorbereitet: Er wolle an die Tradition der Glockenturmkultur Berlins anknüpfen, schließlich reiche deren Geschichte in Berlin und Potsdam bis zum Preußenkönig Friedrich Wilhelm I zurück, der je ein Carillon für die Berliner Parochial und die Potsdamer Garnisonskirche stiftete. Beide Glockentürme wurden bis zum zweiten Weltkrieg regelmäßig bespielt. Den Krieg überstanden sie jedoch nicht und wurden nie mehr aufgebaut.

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Der Glöckner vom Tiergarten: Jeffrey Bossin, Foto: Stefanie Becker

Das Argument, zum 750. Geburtstag Berlins an die alte Musiktradition anzuknüpfen, schien überzeugend und so konnte Bossin sich in Berlin einen Traum erfüllen: Einen eigenen Glockenturm mitten im Park mitten in der Stadt. „Das ist natürlich ein großer Coup, dass sich ein Carillonneur einen eigenes Instrument bauen kann“, strahlt er und klettert zwischen den tonnenschweren Klangkörpern hin und her. Bossin ist Herr seines Instruments. Er konnte bei allen Fragen mitentscheiden: Sowohl technisch als auch architektonisch und natürlich auch musikalisch war sein Know-How gefragt. Er hat den Glockengießern im niederländischen Eijsbouts bei der Herstellung seiner Glocken über die Schulter geschaut und kann mit Recht behaupten, für die Qualität jedes einzelnen Glockenschlags verantwortlich zu sein.

In direkter Nachbarschaft zum Bundeskanzleramt hat Jeffrey Bossin auf ungefähr 40 Metern Höhe seinen Arbeitsplatz in einer kleinen, voll verglasten Kabine mit Blick über den Reichstag, die Spree und den Tiergarten. Unter ihm hängen die großen Glocken, die größte von ihnen wiegt 7,8 Tonnen. Über ihm die kleinen Glocken, die kleinste wiegt gerade mal acht Kilo. Über starke Drahtseile sind die Glocken mit dem Spieltisch in der Glaskabine verbunden. „Die Fenster muss ich schließen während ich hier spiele, sonst ist es zu laut“, fasst Bossin die Klanggewalt seines Instruments zusammen. Die führt ab und an auch mal zu Ärger in der Nachbarschaft: „Seit das Bundeskanzleramt direkt neben meinem Carillon steht, darf ich erst ab Freitagnachmittags um 17.00 Uhr anfangen zu üben – sonst störe ich die Kanzlerin“, grinst Bossin.

Neue Stücke übt Jeffrey Bossin sowieso lieber zuerst für sich allein – verständlich, denn alles, was er im Großen Turm spielt, schallt über den Tiergarten. Und auch ein so berühmter Musiker hat seinen Stolz. „Zum Üben habe ich ein extra Instrument. Da sind anstelle von Glocken Klangplatten angebracht. Erst die Generalproben mache ich öffentlich hier oben“ erklärt er. Die prominente Nachbarschaft hat ihm aber auch schon einiges an Ruhm eingebracht. So habe Ex-Bundeskanzler Schröder ihn gebeten, zur Schweigezeremonie des Bundeskanzleramtes zum Andenken an die Opfer des Terrorangriffs am 11. September 2001 zu spielen. Außerdem spielte er 1989 ein großes Konzert zur Wiedervereinigung, eines im Jahr 1990 zu Christos Verhüllung des Reichtages und zahlreiche weitere im Rahmen großer Veranstaltungen. Na klar, stolz sei er auf seinen Berühmtheitsstatus, lacht er.

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Jeffrey Bossin ist einer von nur 15 Carilonneuren in Deutschland, Foto: Stefanie Becker

Obwohl, oder gerade weil Jeffrey Bossin so einzigartig ist, spielt er gerne für das „normale“ Publikum, welches sich auf den Wiesen am Fuß des Großen Turmes tummelt, die Spaziergänger, Touristen, Sonntagsausflügler. „Das Carillon ist ein schwieriges Instrument für den Zuhörer,“ erklärt er. „Man sieht den Spieler nicht, die Glocken bewegen sich nicht und man kann nicht verstehen, was in diesem Turm passiert. Und doch will ich als Künstler anerkannt werden. Deswegen gehe ich auch nach jedem Konzert raus, winke den Zuhörern zu und biete Führungen an, damit die Leute kapieren, was es bedeutet, ein Carillonneur zu sein und wo die Musik herkommt“.

In Deutschland gibt es zu den 35 Carillons, von denen ein Großteil nur per Automatik bespielt wird, nur etwa 15 Carillonneure. Die meisten sind Organisten oder – wie Bossin selbst – gelernte Pianisten. Die Zukunft des Carillonneur-Berufs ist ungewiss. In den meisten Ländern sei der Beruf, so Bossin, eine brotlose Kunst. Außer in Dänemark, wo Organisten zum Carillonspielen verdonnert werden oder in Holland, wo einfach viele Instrumente zur Verfügung stehen. In Berlin habe er Glück gehabt. „Hier stehen das Land und die Bundesregierung hinter dem Projekt“, erklärt er sein besonderes Glück. In den Roten Turm von Halle würde er auch gern mal wieder kommen, beteuert er. Vielleicht gibt es ja auch in Deutschlands größtem Cariollon mal wieder die Gelegenheit, die Automatik abzustellen und den berühmtesten Glockenspieler des Bundes zum Konzert zu laden…

Zum Abschluss seiner Probe spielt Jeffrey Bossin noch ein Lied: „I am Sailing“, arrangiert für das Carillon. Diese Arrangements schreibt Bossin selbst – schließlich sind nur wenige Stücke eigens für das ungewöhnliche Instrument komponiert. Er verlässt seine Glaskabine zwischen den Glocken und verschließt die Tür. Plötzlich ertönt mit einem Lauten DONG-DONG eine Glocke direkt über seinem Kopf. Selbst der Herr der Glocken zuckt zusammen – fängt jedoch gleich an zu lachen: „Das ist die Automatik. Es ist zwei Uhr!“

 

Die Plattenpresser: Musik plus Vinyl gleich Artwork

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 20 (Jul/Aug/Sep 2010)

„Platten sammeln ist nicht wie Briefmarken oder Bierdeckel oder antike Fingerhüte sammeln. Da steckt eine ganze Welt drin, eine schönere, schmutzigere, gewalttätigere, friedlichere, farbenfrohere, schlüpfrigere, gemeinere und liebevollere Welt als die, in der ich lebe. Da gibt es Geschichte und Geographie und Poesie und zahllose andere Dinge, die ich in der Schule hätte lernen sollen, einschließlich Musik.“ (Nick Hornby, High Fidelity)

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Hier entsteht Vinylkunst: Bei R.A.N.D. Muzik in Leipzig. Foto: Stefanie Becker

Warm ist es im Presswerk von R.A.N.D. Muzik, die vier Plattenpressen arbeiten mit gleichmäßig monotonem Getöse vor sich hin. In den Regalen stapeln sich die Platten – schwarze glänzende Scheiben. Und immer mehr von diesen runden Dingern werden von den Maschinen ausgespuckt. „Rund zweieinhalb bis dreitausend Platten werden hier pro Tag gepresst“, erklärt Andreas Wohmann, ein Freiberufler, der bei R.A.N.D Muzik an allen Fronten aushilft. Ganz schön viel für ein Nostalgieprodukt, dem das Ende schon vorausgesagt wurde. Als in den Achtzigern die CD aufkam und die LP ablösen wollte, trotzten die Gründer von R.A.N.D. Muzik dem Trend und beschlossen, eben jene Platten herzustellen, die von da an eher als aussterbendes Nischenprodukt gesehen wurden.

Bei Gunnar Heuschkel und Jan Freund, den beiden Chefs der Plattenmanufaktur war es die perfekte Verbindung von Hobby und Beruf. Wirklich weg war sie schließlich nie, die LP. Auf Technopartys wurde sie zum „scratchen“ und „mixen“ umfunktioniert und bescherten der LP ein zweites Leben. Auch die studierten Maschinenbauer legten schon Anfang der Neunziger als DJs auf. „Wir fanden schon immer, dass die Schallplatte das tollste Produkt schlechthin ist – und wir haben schon damals die aufstrebenden Technopartys mit Musik versorgt“, erinnert sich Gunnar.

Der Sprung vom Maschinenbauer und Hobby-DJ zum Plattenpresser gestaltete sich natürlich nicht einfach, denn Plattenpresser ist kein Beruf, den man lernen kann. Das Wissen wird an der Maschine von Person zu Person vermittelt. Alle Mitarbeiter sind Quereinsteiger und auch die Chefs mussten sich die Arbeit an den Pressmaschinen erst mühsam aneignen. Aber – die Mühe hat sich gelohnt. Die Kundschaft von R.A.N.D. Muzik reicht über die ganze Welt: USA, Polen, Singapur, Japan und natürlich auch Deutschland. „In den Clubs legen DJs ihre Musik auf Vinyl auf. Dann lassen kleine Elektro-Labels oder einzelne Punk Bands ihre Musik auf Schallplatte pressen, oder auch Privatleute und Hobbymusiker, die ihre Stücke gern auf Platte haben wollen“, zählt Andreas auf.

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Eine von rund 3000 Platten am Tag, Foto: Stefanie Becker

Die Jungs aus Reudnitz schaffen dabei sogar kleine Kunstwerke – denn nicht nur die Musik auf den LPs ist Kunst, sondern auch die Gestaltung kann meisterhaft sein. Andreas Wohmann hat Industriedesign studiert und ist im Künstlerkollektiv Tatuet vertreten. Die Zusammenarbeit zwischen den Grafikern von Tatuet und den Plattenmachern von R.A.N.D. Muzik ist fruchtbar. „Eine Vinylplatte ist ein Gesamtkunstwerk aus Musik und Artwork“, formuliert Andreas und meint damit die Möglichkeit, etwas Besonderes aus den neuen alten Platten zu machen.

Andreas selbst ist ebenfalls leidenschaftlicher Vinylhörer. Bei einer Schallplatte habe man schließlich was in der Hand – so eine LP wiegt um die 140 Gramm. Das Gewicht, die Optik, die Haptik, all das führe laut Andreas zu einem komplett anderen Musikkonsum als es bei der CD oder der mp3 der Fall sein kann. „Eine Schallplatte kann man nicht einfach so konsumieren. Das hat was Ausgesuchtes, das vorsichtige Aufpassen, dass der Arm beim Auflegen nicht über die Platte rutscht, das Umdrehen der Platte nach 19 Minuten. Das ist schon eine Prozedur, in der sehr viel Feierlichkeit steckt“.

Hutformenbau Leipzig: Woher der Hut die Form bekommt

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 19 (Apr/Mai/Jun 2010)

Er heißt Zylinder, Melone, Stetson oder Sombrero. Es gibt ihn für Damen und Herren, für die Arbeit oder als Schmuck. Der Hut. Man bekommt ihn beim Hutmacher oder in der Kaufhauskette – doch wie bekommen die Hüte eigentlich ihre Form? Die Antwort verbirgt sich in Leipzig.

Im Hintergrund singt Helene Fischer aus einem mit einer Plane abgedeckten Radio, dahinter ein Blumenstrauß aus rosa Plastikblumen und sonst – überall Hutformen: Köpfe, Krempen, Kappen… Die Regale quellen förmlich über. Vor der Eingangstür stehen grobe Holzplanken aus Lindenholz. Daraus sollen später einmal Hutformen werden. Die Holzplanken werden zu Leimblöcken verklebt, an denen so lange herum gefeilt wird bis die Hutform entstanden ist – die Hutform ist sozusagen der Rohling für den Hutmacher. Hutformen gibt es bei den Herrmanns in verschiedenen Größen, damit der Hut später auch passt. Hutmacher wählen dann aus dem großen Sortiment der Herrmanns ihre neuesten Modelle in den gewünschten Maßen aus. Über die gewählte Hutform stülpt der Hutmacher später eine Art nasse Filzzipfelmütze bis sie sich eng an die Form schmiegt und versteift sie mit Schellack oder ähnlichem – fertig ist der Hut.

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Hutformen, bis das Regal überquillt. Foto: Stefanie Becker

Über die ganze Werkstatt der Herrmanns zieht sich ein hauchdünner Holzstaubfilm, der eine etwas nebelige Atmosphäre schafft. Dazwischen ein paar Maschinen, eine Werkzeugbank und noch mehr Hutformen. Thomas und Monika Herrmann stehen an einer Arbeitsbank am Fenster. Er schnitzt eine neue Form, sie arbeitet an einem Hutständer. Thomas Herrmann hat das Handwerk noch zu DDR-Zeiten von seinem Vater gelernt und betreibt den Laden seit 2004 zusammen mit seiner Frau. Vor der Wiedervereinigung war „Hutformenmacher“ in beiden Teilen Deutschlands noch ein normaler Lehrberuf, heute ist es ein aussterbender Berufszweig. Doch hat die Firma Herrmann in Leipzig Tradition: 1870 wurde sie von der Familie Born gegründet und etwa 90 Jahre später von den Herrmanns übernommen. Thomas Herrmann führt den Laden schon in der dritten Generation. „Die Kreativität dieses Berufes begeistert mich“, erklärt er. „Wir müssen zum Teil die ausgefallensten Ideen umsetzen. Außerdem ist Holz unberechenbar: Man arbeitet und schneidet an einem Holzblock und plötzlich entdeckt man einen Ast. Da muss schnell eine Lösung her und das macht Spaß“. Geschnitzt wird per Hand, nur die Rundköpfe können mit einer Maschine hergestellt werden. Viele sind das aber nicht – denn kein Kopf ist rund.

Aber nicht nur fremde Entwürfe werden umgesetzt, die Herrmanns entwerfen auch eigene Ideen. Sie sind auf jeder Modemesse vertreten und für diese entwickeln sie mindestens drei oder vier neue Modelle. Dafür orientiert sich Monika oftmals am Who-is-Who der internationalen Hutträger-Szene. „Klar interessiere ich mich für Klatsch und Tratsch, aber wenn ich Promi-Sendungen gucke oder die Frauenzeitschriften lese, merke ich mir nicht, wer da nun wen geheiratet hat, sondern nur, welche Hüte sie getragen haben. Denn was jetzt in England getragen wird, ist in zwei oder drei Jahren auch hier gefragt“. In Deutschland werden Hüte aber trotzdem nur selten als Modegags getragen, Designstudenten und Modemacher probieren sich ab und zu an ausgefallenen Modellen aus, Promis glänzen mit extravagantem Kopfschmuck, doch gehört der Hut schon lange nicht mehr zur Alltags- und immer seltener zur Arbeitskleidung.

Die Firma der Herrmanns ist auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig angesiedelt, die sich in den letzten Jahren einen Ruf als Kunst- und Kulturzentrum erworben hat. Die Arbeit im Herzen der Kunstszene bietet willkommene Aufmerksamkeit für das ungewöhnliche Geschäft. Bei jedem Tag der offenen Tür sind die Herrmanns dabei, stellen ihre Hutformen aus und lassen Laien selbst an einem Hutkopf-Dummi herumschnitzen. Bei der Werkschau zur 125-Jahr-Feier der Spinnerei im letzten Jahr waren sie selbstverständlich auch vertreten und ihre Hutformen hatten Fast-Kontakt zur Kanzlerin. „Sie lief durch die Werkschau und wir haben im Fernsehen gesehen, dass sie leider achtlos an unseren Hutformen vorbei lief“, erinnern sie sich. „Hätte sie eine in die Hand genommen, wäre das natürlich der Knaller für uns gewesen“. Monika Herrmann lacht. Das Paar nutzt auch privat, was ihnen die Spinnerei bietet: Lesungen, Kulturveranstaltungen und manchmal lugen sie auch durch die Fenster der Galerien, um zu sehen, was die Nachbarn so treiben. Aber ihr liebstes Hobby ist der Campingurlaub – Dauercamping in Bergwitz in der Dübener Heide.

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Thomas Herrmann an der Werkbank. Foto: Stefanie Becker

Die Kundschaft der Herrmanns ist bunt: Hutmacher, Theater und Hutfabriken zählen dazu, aus aller Herren Länder kommend – von Neuseeland über China, Japan, Ägypten und Kanada. Nur die Chinesen, die haben etwas andere Vorstellungen von Hutmode als die westlichen Nationen. „Sie wollen runde Hüte. Komplett rund. So rund ist kein Kopf, deswegen haben wir hier ja die ovale Form, aber das wird in China nicht getragen. Wie sie die Hüte dann auf die Köpfe bekommen, weiß ich auch nicht, aber sie bekommen ihre Formen von uns natürlich rund“, erklärt Monika. Sie ist sich sicher, dass sogar die Queen eines ihrer Modelle trägt. „Queen Elizabeth war mal hier in Deutschland auf einer Modemesse und ein halbes Jahr später trug sie einen Hut, der genau die Form hat, wie sie mein Schwiegervater entworfen hat. Nachweisen können wir natürlich nichts, denn vielleicht hat jemand anders zur selben Zeit eine ähnliche Idee gehabt, aber ich bin mir sicher, die Form war von uns“. Monika ist gelernte Gärtnerin, hat schon immer in kreativen Berufen gearbeitet, aber noch nie etwas mit Hutformen zu tun gehabt. Bis sie Thomas kennen lernte. Es begann als eine Internetbekanntschaft, aus der schließlich Liebe wurde, bis Monika schließlich aus der Lausitz nach Leipzig zog und 2004 bei Thomas im der Werkstatt einstieg. Angelernt wurde sie noch von Thomas Vater, der sich mittlerweile aus dem Geschäft zurückgezogen hat. Nur die großen Blumen vor der Tür neben den Holzplanken erinnern noch an ihren alten Beruf.

Die Hutformenmacherfirma Herrmann ist die letzte ihrer Zunft, nur in Westdeutschland gibt es noch einen Drechsler der nebenbei ein paar Hutformen herstellt. Das sei aber kein Meisterbetrieb und außerdem könne er als Drechsler auch nur die Rundformen herstellen. Wenn die Herrmanns sich also entschließen sollten, aufzugeben, wird es keine Hutformenmacher mehr in Deutschland geben. Ausbilden wollen sie niemanden, der Beruf würde nicht mit staatlichen Geldern unterstützt und reich könne man damit auch nicht werden, erklären sie. „Die Kundschaft in den weiten Teilen der Welt bestellen ja auch nicht am laufenden Band“, erklärt Thomas. „Nicht einmal mehr die jungen Prinzessinnen tragen regelmäßig Hüte“, ergänzt Monika. „Außerdem sind unsere Formen einfach zu gut. Sie gehen nicht kaputt und wer von den klassischen Modellen schon eine Form von uns besitzt, braucht keine neue“. Kein Beruf der Zukunft also. Und wenn die Herrmanns ihr Handwerk niederlegen, werden sich die Hutmacher neue Quellen für ihre Hutformen ausdenken müssen. Möglicherweise übernehmen weitere Drechsler oder auch Modellbauer ihr Handwerk. Noch aber sind die Herrmanns in der Spinnerei für viele Kreativköpfe kaum wegzudenken.

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Fein sortiertes Chaos: Das Werkzeug der Hutformenmacher. Foto: Stefanie Becker

 

Die Bücherklinik: Restauration der Weimarer Aschebücher

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 18 (Jan/Feb/März 2010)

In jener Nacht – mit der so vieles begann und so vieles sich für alle Zeit änderte – lag eins von Meggies Lieblingsbüchern unter ihrem Kissen, und als der Regen sie nicht schlafen ließ, setzte sie sich auf, rieb sich die Müdigkeit aus den Augen und zog das Buch unter dem Kissen hervor. Die Seiten raschelten verheißungsvoll, als sie es aufschlug. Meggie fand, dass dieses erste Flüstern bei jedem Buch etwas anders klang, je nachdem, ob sie schon wusste, was es ihr erzählen würde, oder nicht. Aber jetzt musste erst einmal Licht her. In der Schublade ihres Nachttisches hatte sie eine Schachtel Streichhölzer versteckt. Mo hatte ihr verboten, nachts Kerzen anzuzünden. Er mochte kein Feuer. „Feuer frisst Bücher“, sagte er immer. (Cornelia Funke, Tintenherz)

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Ein „Weimarer Aschebuch“, das noch auf seine Restauration wartet, Foto: Stefanie Becker

Matthias Hageböck wird nachts aus dem Schlaf gerissen. Es brennt in der Anna Amalia Bibliothek. Das Dach steht in Flammen, darunter jahrhundertealte Schätze, Zeugnisse der Weimarer Klassik, mittelalterliche Buchhandschriften und andere Exemplare, deren Einzigartigkeit nicht zu schätzen ist. Matthias Hageböck versucht noch während der Dachstuhl brennt, so viele der Bücher und Gemälde zu retten wie möglich. Bücherretten ist sein Job. Matthias Hageböck ist Chefbuchrestaurator. „Es war schon dramatisch zu sehen, wie die ganze Arbeit der letzten Jahre in Flammen aufgeht. Irgendwann wurde die Geräuschkulisse unerträglich und schließlich fielen dann auch die Balken um uns herum von der Decke, dass die Feuerwehr und nach draußen schickte. Erst von dort aus sahen wir dann, wie groß das Feuer eigentlich war.“ Die Feuerwehr kann das Feuer im oberen Stock des Rokoko-Saales stoppen. Der untere Teil wird jedoch von Löschwasser überschwemmt. Insgesamt fallen 50.000 Bücher dem Brand zum Opfer, weitere 50.000 können gerettet werden. Etwa 62.000 Bücher werden durch den Brand und das Löschwasser stark beschädigt. Die Restaurierungsmaßnahmen sind noch bis heute – neun Jahre nach dem Brand – in vollem Gange. Ein Teil der Bücher wird aus anderen Bibliotheken ersetzt, andere werden wieder hergestellt.

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Eine Mitarbeiterin kleistert dünnes Japanpapier auf die beschädigten Buchseiten, Foto: Stefanie Becker

Im Weimarer Stadtteil Legefeld wurde 2008 eine eigene Spezialwerkstatt eingerichtet, die sich mit der Rettung von etwa 8000 „Weimarer Aschebüchern“ beschäftigt. In einem Lagerraum stapeln sich die grauen Kisten mit den Überresten der Bücher. Die Einbände fehlen oft ganz und auch die vorderen und hinteren Seiten sind fast vollständig verkohlt. Die Innenteile sind zum Teil aber noch gut erhalten. „Überall da, wo kein Sauerstoff hinkam, sind die Seiten verschont geblieben, so ist der Satzspiegel noch intakt. Die Seitenränder sind zum Teil komplett zu Asche zerfallen – und genau hier befanden sich wertvolle Handschriften und Anmerkungen, die die Bücher so einzigartig machten“, erklärt Werkstattleiter Günter Müller. Er entwickelte hierfür ein komplett neues Verfahren, welches sich auf die Mengenrestauration verbrannter Bücher spezialisiert hat. „Wir schaffen hier am Tag etwa 100.000 Blatt Papier zu restaurieren. Mit herkömmlichen Verfahren würde es viel länger dauern und wäre unbezahlbar.“

Der Kern des neuen Restaurationsverfahrens ist ein Kassettensystem, in welches die zerstörten Seiten eingelegt werden – eine Kompressionskassette, für die die Klassik-Stiftung Weimar sogar die Patentrechte erhalten hat. Die verschraubten Kassetten werden in warmes Wasser getaucht, um Schmutz und Asche auszuwaschen. Die nassen Seiten werden in ein Wasserbecken getaucht, in dem flüssiges Papier zur alten Buchseite hinzu geführt wird. Ein dünnes Japanpapier, welches darüber gekleistert wird, soll abschließend als Brücke dienen, der das alte und das neuen Papier zusammenhalten soll. Nach der Pressung ist die Buchseite fertig. Da bei vielen Büchern nicht mehr erkennbar ist, um welches literarische Werk es sich handelt, werden die Seiten dokumentiert und ins Internet gestellt – in der Hoffnung, dass interessierte Forscher das eine oder andere Buch wiedererkennen und die fehlenden Seiten durch Digitalisate aus anderen Bibliotheken ersetzt werden können.

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Günter Müller inspiziert ein restauriertes Exemplar, Foto: Stefanie Becker

In der Legefelder Papierrestaurierung arbeiten außer Müller noch sechs weitere Mitarbeiter aus ganz Europa, unter ihnen Restaurateure, Buchbinder und Bibliothekare, in einem Zweischichtsystem, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Bücher zu reparieren. Sie vereint die Leidenschaft zum Handwerk, zum Papier – und natürlich auch zu den Büchern. Die Wiederherstellung ist hier allerdings oberste Priorität. „Wir wollen die Originalsubstanz erhalten“, betont Günter Müller. „Eine historische Wiederherstellung mit alt aussehenden Buchdeckeln wäre reine Kosmetik. Das ist Kitsch oder Nostalgie und das wollen wir nicht.“ So bekommen die restaurierten Bücher einen stabilen Einband aus grauem, hartem Karton – und in die historischen Räume werden diese Bücher sicher nicht zurückkommen. Denn auch nach der Restauration sind die Seiten noch stark anfällig und brauchen wohl temperierte Räume mit einer bestimmten Menge an Luftfeuchtigkeit. „Wenn es zu warm oder zu trocken würde, würde sich das Papier verformen oder absplittern. Eine optimale Lagerung ist absolut notwendig, denn hexen können wir auch nicht“, beteuert Müller.

Wo allerdings noch alte Einbände erhalten sind, werden auch diese restauriert. Viele der Bücher haben Löschwasserschäden, die Einbände sind hart und verklebt, die Buchdeckel lassen sich kaum noch heben. Dafür gibt es im Haupthaus der Anna Amalia Bibliothek eine kleine Werkstatt. Hier werden Methoden entwickelt, die seit dem Brand etwa 34.000 Einbände wieder benutzbar machen konnten. Auch hier keine Kosmetik, erläutert Matthias Hageböck. „Wir arbeiten mit Spendengeldern, die wollen und dürfen wir nicht einfach zum Fenster rauswerfen. Die Bücher sollen am Ende wieder zu benutzen und vor allem digitalisierbar sein.“ Hierfür arbeitet die Weimarer Klassik Stiftung mit 34 externen Werkstätten zusammen. „Die bekommen von uns eine haarkleine Auflistung darüber, was wie zu machen ist. Wir wollen schließlich ein möglichst einheitliches Ergebnis.“ Er erinnert sich noch an den Morgen nach der Brandnacht. „Ich bin dann hier durch die verkohlten Berge gestapft und habe einen alten Schatz gefunden –ein Buch mit einem zum Teil vergoldetem Einband. Der war zuerst weich wie Gummi, wurde dann ganz hart und ist schließlich zerbrochen.“ Die Scherben bewahrt er in einer kleinen Pappschachtel in seinem Büro auf. Retten werden sie diesen Einband werden wohl nicht mehr können.

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Restauration eines beschädigten Bucheinbandes, Foto: Stefanie Becker

Bei all dem Schaden, den der Brand vor neun Jahren angerichtet hat, erfreut sich die Anna Amalia Bibliothek seither an einem großen Imagegewinn. Besucherzahlen strömen durch das Haus, der Rokokosaal ist schon Monate im Voraus ausgebucht. Die Medien überrennen die Bibliothek förmlich. „Der Brand war sozusagen ein Identifikationspunkt für die Deutschen“, fasst Hageböck zusammen. Es war ein bisschen so, als hätten die Leute nach etwas gesucht, was sie als ihren kulturellen Mittelpunkt gestalten konnten. Und der Brand einer vorher fast unbekannten Bibliothek mit alten Schätzen kam gerade recht. Die Lage hier zwischen dem Goethehaus und dem Ettersberg mit dem Mahnmal Buchenwald, machte das Setting dann noch perfekt.“ Dennoch ist Hageböck sehr zufrieden mit der Arbeit nach dem Brand. Denn der Rokokosaal ist heute schöner als vorher und die Restaurateure können bereits Halbzeit vermelden: Bis 2015 sollen die Einbände wieder hergestellt sein. Die Bücherklinik Papierrestauration wird vermutlich noch etwas länger brauchen.

Riesa: Eine Kleinstadt der Superlative. Oder: Wie kommt das Loch in die Makkaroni?

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 17 (Okt/Nov/Dez 2009)

Wer „Riesa“ hört, denkt zuerst an Zwischenstopps auf der Bahnfahrt zwischen Dresden und Leipzig und vielleicht kommen einem noch Nudeln, Streichhölzer oder Stahlwerke in den Sinn. Die kleine Stadt an der Elbe hat aber noch viel mehr zu bieten.

Es ist ein schwül-heißer Sommertag in Riesa. Das versprochene Gewitter lässt auf sich warten und die Luft drückt, als ich aus dem Zug steige. Mein Plan: Riesa entdecken. Meine Hilfe und persönliche Touristenführerin Manuela Langer von der Riesa Information erwartet mich am Ausgang des Bahnhofs. Ihre Aufgabe: Mir Riesa zeigen. Wir steigen in ihren Kleinwagen und fahren los. Sie hat für den ganzen Tag einen Plan gemacht – und selbst der reiche nicht, um Riesa komplett kennen zu lernen, sagt sie. Eine Woche sei nötig. Ich denke mir erst einmal nichts dabei. Es kann ja so viel nicht sein. Bei 35.000 Einwohnern…

Los geht’s bei Riesas Ursprüngen. Der Sage nach durchschritt ein Riese die Elblandschaft, machte hier eine Pause und leerte Sand aus seinem Stiefel. Auf diesem Sandhaufen wurde die Stadt gebaut und nach dem Riesen benannt. Riesa war zum Zeitpunkt der Anerkennung im Jahre 1623 als Stadt ein Dorf von 300 Seelen. Damals kam es noch nicht so sehr auf die Einwohnerzahl an, die eine Stadt zu bieten haben muss, sondern vielmehr auf die Verdienste, die ihre Bewohner leisteten.

Die Geschichte Riesas mit ihrer Entwicklung von ihren geologischen Ursprüngen anhand von steinzeitlichen Ausgrabungen, über ihre Klostergründung im Jahre 1119, bis hin zur Zeit der Stahlindustrie ist im „Haus am Poppitzer Platz“ ausgestellt. Dies ist die erste Anlaufstelle für Besucher wie mich, die sich mit der Stadtgeschichte Riesas auseinandersetzen wollen. Das „Haus am Poppitzer Platz“ versteht sich als Haus der Kultur. Neben dem stadtgeschichtlichen Museum beherbergt es die Stadtbibliothek, eine Kinderbibliothek und zahlreiche Ausstellungs- und Veranstaltungsräume.

Im Jahr 2005 wurde das Haus und vor allem das Museum komplett neu strukturiert: Wo sich vorher Massen von Tonkrügen und anderem Anschauungsmaterial in langen Glasvitrinen aneinanderdrängten, wird der Besucher heute anhand von Schautafeln und ausgewählten Ausstellungsstücken wie Riesaer Zündwaren, Seife und ein 100 Jahre altes Klassenzimmer, in die Vergangenheit entführt. Ramona Geißler ist in der Forschungsabteilung des Museums beschäftigt und lebt seit einigen Jahren in Riesa. Ursprünglich kommt sie aus Trebsen bei Grimma, mittlerweile erklärt sie Riesa aber zu ihrer Heimat. Weil man hier so gut leben kann. In den letzten Jahren habe Riesa nämlich einen neuen Anstrich bekommen. Seither sei hier viel Farbe zu sehen, viele Grünflächen seien angelegt und viele der einst grauen und mit Schlaglöchern versehenen Plätze umgestaltet worden.

Auch die Kunst kommt nicht zu kurz: Künstlerisches Highlight in Riesa ist die „Elbquelle“ von Jörg Immendorf. Wer geografische Kenntnisse besitzt, weiß natürlich, dass die Elbe nicht in Riesa, sondern in Tschechien entspringt, doch das tut der berühmten Statue, die übrigens mit 25 Metern Höhe die größte (hier der erste Superlativ) Stahlskulptur Europas ist, keinen Abbruch. Ob sie nun „schön“ ist oder eher das Gegenteil, ist schwer zu sagen. Sie ist jedenfalls groß, auffällig und von vielen Stellen Riesas aus sichtbar.

Riesas Schmuckstück ist das Kloster mit seiner Klosterkirche und dem dazugehörigen Garten. Es ist übrigens das älteste (wieder ein Superlativ!) Kloster der Mark Meißen. Hier empfängt uns die Oberbürgermeisterin Gerti Töpfer. Auch sie ist zugezogene Riesaerin, lebt seit 34 Jahren hier und erkennt die Kleinstadt mittlerweile als ihre Heimat an. Als sie mit ihrem Studium fertig wurde, wurde sie ins Dresdner Land versetzt. Na, es wird schon nicht Riesa werden, dachte sie damals und – es wurde Riesa. Sie kam in eine Stadt, die von Industrie geprägt war: Schlote und Rauch machten das Stadtbild aus. Doch sie blieb. Bis heute.

Heute setzt sie sich stark für die Neukonstruktion des Klosterkomplexes ein. Stolz führt sie uns zuerst durch den Kapitelsaal, der zu Klosterzeiten das Lese- und Musizierzimmer der Nonnen war, zwischenzeitlich als Lagerhalle diente und in dem heute das Trauzimmer des Rathauses untergebracht ist. Im Nachbarflügel befindet sich das größte (Achtung: wieder einer!) Elbaquarium, welches seinen Besuchern die Elbe- und Auenlandschaften näher bringen soll. Viele graue Fische starren mich zunächst aus ausdrucklosen Augen an und ziehen dann desinteressiert weiter.

Im Klostergarten riecht es heute nicht mehr nach Kräutern, sondern nach Zoo – hier befindet sich nämlich der Tiergarten Riesas mit einheimischen Tierarten wie Füchsen, Rehen und Fasanen. Vor allem an den Wochenenden tummeln sich die Besucher aller Altersklassen zwischen den Gehegen. Im ehemaligen Wasserturm des Geländes hat der letzte (und wieder!) Röhrmeister Sachsens ein mittelalterliches Wassertransportsystem eingebaut. Eine willkommene Abkühlung auch für mich. Am liebsten würde ich meinen Kopf einmal unter diesen Wasserstrahl halten. Aber aus Höflichkeit meiner Gastgeber gegenüber begnüge ich mich mit feuchten Handgelenken.

Die Entwicklung Riesas als Touristenstadt ist noch sehr jung. Die Stahlindustrie vermachte der Stadt ein Bild, welches nicht unbedingt als touristisch attraktiv bezeichnet werden kann. Nach dem Zusammenbruch der Stahlwerke Anfang der Neunziger Jahre mussten neue Ideen her und Riesa baute auf Sport. Schon vor der Wiedervereinigung Deutschlands war Riesa eine Sportstadt und nach dem Bau der Erdgas-Arena – der größten (noch einer) Mehrzweckhalle Sachsens – im Jahr 1999 etablierte sie sich auch in Gesamtdeutschland. Die dicken Männlein vor der Halle sind übrigens Sumo-Ringer, die daran erinnern sollen, in dieser Halle die erste (!) Weltmeisterschaft im Sumo-Ringen außerhalb Japans stattgefunden hat.

Nach der Industrie und dem Sport kamen die Radwanderer. Riesa liegt direkt am Elberadweg und viele Durchreisende bevölkern die Kleinstadt. Diese perfekte Lage, so merkte man, musste man sich einfach zunutze machen. Die Radfahrer können in Riesas Fahrradgaragen ihre Räder samt Gepäck einschließen und die Stadt dann zu Fuß oder mit der kleinen Stadtbahn, dem „Stahlmax“, erkunden. Das Stadtzentrum Riesas ist nämlich nicht, wie man es von anderen mittelalterlichen Städtchen kennt, um einen Marktplatz geballt. Hier bildet die zweikilometerlange Hauptstraße das Zentrum der Stadt mit kleinen Geschäften, der Touristeninformation, kleinen Gaststätten und immer mit dem Blick auf die Stahlskulptur „Elbquelle“. Lebendig geht es hier zu: Alte und Junge schlendern gemütlich über die Straße und Kinder spielen Fangen – trotz der drückenden Hitze.

Auch kulturell gesehen ist Riesa alles andere als kleinstädtisch: Die Elblandphilharmonie hat ihren Sitz im Stadtteil Gröba auf der anderen Seite des Hafens – übrigens der zweitgrößte (…) Binnenhafen Ostdeutschlands nach Magdeburg. Geografisch inmitten der Weltorchester, also zwischen dem Gewandhaus in Leipzig und der Semperoper in Dresden gelegen, muss sich die Riesaer Philharmonie behaupten. Und das schafft sie laut Dr. Christoph Dittrich, dem Geschäftsführer der Neuen Elbland Philharmonie Sachsen, sehr gut. Mit einer Mischung aus Klassik und Unterhaltungsmusik spricht sie Musikliebhaber aller möglichen Sparten an. Die Nachbarschaft zu Dresden und Leipzig sei den Riesaern – so Dittrich wörtlich – ein motivierender Stachel im Fleisch und daher sei Ausruhen nicht möglich.

Touristisches Highlight Riesas ist sicherlich die Nudelfabrik der Riesaer Teigwaren. Aus den ehemaligen GEG-Betrieben, die auch die Zündwarenfabrik und die Seifenfabrik beherbergten, erlangten die Riesaer Nudeln nach der Wende auch in Westdeutschland Berühmtheit. Vor dem alten Gemäuer stehen zahlreiche Reisebusse, die in regelmäßigen Abständen große Rentnergruppen ausschütten, die sich in das Abendteuer Nudelproduktion begeben. Ich mache natürlich auch mit. Schließlich, so vermuten einige Riesaer, kämen die ältesten (Achtung, schon wieder einer…) Nudeln aus Sachsen. Ob das aber stimmt, mag nicht mal Gundula Bleul aus der Marketingabteilung der Riesaer Teigwaren bestätigen. Sie vermutet den Ursprung der Nudel doch eher in Südeuropa.

Ich schließe mich einer Gruppe Besucher an. Wir werden in weiße Kittel gesteckt und mit Hauben auf dem Kopf bekleidet. So schick verkleidet schleust René Quantt, seines Zeichens Besucherführer, Hausmeister und Springer, seine Gruppe durch die Hallen. Heiß ist es hier. Noch heißer als draußen. Ich schwitze und der Lärm ist grenzwertig. Trotzdem will ich wissen, wie das Loch in die Makkaroni kommt und halte durch. Das zu erklären, würde hier den Rahmen sprengen. Soviel sei aber verraten: Sieben Stunden dauert es, bis so eine Portion Makkaroni fertig und gehärtet ist. Gegessen ist sie dann innerhalb von 10 Minuten.

Mein Tag in Riesa geht zu Ende. Müde und mit vielen Eindrücken beladen mache ich mich zurück auf den Weg nach Leipzig. Trotzdem ist mein Vorurteil, nur in der Großstadt könne man den Puls der Zeit erleben, widerlegt. Riesa ist zwar klein, durchaus aber konkurrenzfähig und mit Sicherheit die schönste Stadt nördlich des Äquators, die auf dem hinterlassenen Sandhaufen eines durchreisenden Riesen gebaut wurde.

Rückblick: 20 Jahre Friedliche Revolution

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 17 (Okt/Nov/Dez 2009)

20 Jahre Friedliche Revolution, das bedeutet 20 Jahre Ende der DDR-Diktatur, 20 Jahre vereintes Deutschland und 20 Jahre Erinnerung. Im Herbst 1989 gingen in Leipzig viele Menschen auf die Straße, um für Veränderung in der DDR einzustehen. Die Leipziger Zeitzeugen Dagmar Völker (Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie), Katrin Hattenhauer (Künstlerin) und Tobias Hollitzer (Leiter der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“), erinnern sich.

Leipzig, Ende der achtziger Jahre. Unmut über die politische Situation der DDR macht sich breit. Auch in Leipzig ist sie stark zu spüren.

Hollitzer: Die zweite Hälfte der achtziger Jahre war eine recht ausweglose, graue und öde Zeit. Wenn man durch die Stadt ging, sah man, dass fast jedes Haus verfiel. ich musste in meiner Wohnung jede Woche mit dem Teereimer aufs Dach, um es zu flicken, damit das Wasser nicht durchläuft. Es gab nichts zu kaufen, alles war kaputt und in der Zeitung stand genau das Gegenteil. Intellektuell lief nur wenig bis gar nichts. Auch die Umweltsituation war unerträglich wegen der Braunkohleindustrie. Leipzig war eine der dreckigsten Regionen der DDR.

Völker: Ich nenne die achtziger Jahre heute die „bleierne Zeit“, denn da war klar, es ging hier überhaupt nicht weiter. Alle jungen Leute wollten weg. Auch ich habe darüber nachgedacht. Es war so ein Gefühl, dass man auf so einem ganz verlorenen Posten ist und dass es sich immer mehr einengt und dass es keine richtige Zukunft gibt. Es war ja alles falsch. Es gab eine starke Spaltung zwischen dem „offiziellen“ und dem, was man zuhause mit den Freunden redete. Und das war so lächerlich.

Hattenhauer: Ich komme gebürtig aus Nordhausen, das lag ja direkt an der Grenze. Schon als Kinder haben wir immer mit meiner Mutter die Westnachrichten geguckt und durften das dann am Tag danach in der Schule nicht verraten. Wir haben also schon sehr früh diese Schizophrenie erlebt, was es heißt, zu wissen, wie der Staat funktioniert, aber den Mund halten zu müssen. Diese Art Lüge haben tausende Kinder ertragen müssen und es wurden immer mehr Lügen, die ich im Laufe der Jahre entdeckt habe. Und indem ich mir das Recht herausnahm, Dinge zu hinterfragen, wurde ich schnell als revolutionär abgestempelt, ohne das eigentlich gewollt zu haben. Aber irgendwann dachte ich mir nur noch „Wenn Ihr mich in diese Ecke drängt, dann mach ich‘s auch richtig“.

Leipzig, Frühjahr 1989. Buchmesse in Leipzig. Die Stadt ist voller Menschen und Dagmar Völker hört sich in der Moritzbastei eine Lesung von Hans Magnus Enzensberger aus seinem Buch „Ach Europa“ an. Ein erster Hoffnungsschimmer verbreitet sich und lässt sie nicht mehr los.

Völker: Sein Buch endete mit einem Kapitel, in dem ein Kongress beschrieben wurde zu einem Zeitpunkt, an dem es keine Mauer mehr gab – im Jahre 2006. Und es war eine atemberaubende Vision. Es herrschte in dem Moment eine Stimmung, als ob wahr werden könnte, was unvorstellbar war: dass die Mauer wegkäme. Es lag sozusagen in der Luft.

Peking, 4. Juni 1989. Ein gewaltsamer Gegenschlag von Seiten des Kommunismus: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens wird eine friedliche Studentendemonstration brutal niedergeschlagen. Zwischen 700 und 3.000 Menschen kommen dabei ums Leben. Auch in Leipzig bekommen die „Oppositionellen“ die Gewalt zu spüren.

Hollitzer: Ich habe im Juni sehr intensiv bei der Vorbereitung des Pleißepilgerwegs gearbeitet. Wir wollten am Beispiel des verrohrten Flusses auf die gravierenden Umweltprobleme in Leipzig aufmerksam zu machen. Der sollte nun genau am 4. Juni stattfinden und die wesentlichen Vorbereitungen liefen bei mir in der Wohnung ab. Offenbar hat die Stasi erst am Abend zuvor mitgekriegt, dass es bei mir läuft. Die Typen lagen dann also an bei mir im in der Straße im Waldstraßenviertel und haben mich überwacht. Und das kriegte ich recht schnell mit und hab dann in der Nacht vom 3. zum 4. Juni in meiner Dunkelkammer in der Wohnung gesessen, um eine Ausstellung für den nächsten Tag vorzubereiten. Früh morgens kamen im Deutschlandfunk die ersten Meldungen über die blutige Niederschlagung der Protest in China. Ich muss sagen, das war nicht ohne. Ich saß heimlich in meiner eigenen Wohnung – die Stasi vor der Tür. Und das war für mich persönlich die bedrohlichste Situation in dem ganzen Jahr.

Leipzig, August 1989. Katrin Hattenhauer organisiert mit Freunden das Leipziger Straßenmusikfestival – ohne eine Genehmigung von der Stadt erhalten zu haben.

Hattenhauer: Das Straßenmusikfestival war das tollste und erfolgreichste Erlebnis unserer Oppositionsbewegung. Wir wollten Politik in Bildern machen weil wir das für viel effektiver hielten als Flugblätter. Mit so einem Festival wollten wir die Leute erreichen, ohne dass sie erst seitenweise lesen müssen eh sie begreifen, was wir sagen wollen. Und wir wollten auch politisch nicht engagierte Leute erreichen, indem wir einfach eine fröhliche Lebensäußerung auf offener Straße darstellten. Musizieren – auch vollkommen unpolitisch – war auf der Straße nicht erlaubt und wir haben uns gefragt, warum das so ist. Und die Leute fanden es toll! Das Fest wurde allerdings sehr schnell und sehr brutal aufgelöst mit Hundertschaften der Polizei, die haben uns in LKWs abtransportiert. Aber wir haben erreicht, dass die Leipziger plötzlich merkten, in was für einem schrecklichen Land wir eigentlich lebten und dass man uns nicht mehr wie vorher als Kriminelle bezeichnete.

Leipzig, 4. September 1989. Menschenrechtler, Umweltgruppen, Gerechtigkeitskämpfer und Ausreisewillige treffen sich in der Nikolaikirche. Dagmar Völker, Katrin Hattenhauer und Tobias Hollitzer sind dabei, als die ersten Demonstrationen nach den Montagsgebeten auf dem Nikolaikirchhof beginnen.

Hollitzer: Ich selber habe nicht an Ausreise gedacht, aber aus meinem persönlichen Umfeld sind sehr, sehr viele, weggegangen und das wurde irgendwann unerträglich. Jeder ging weg. Diese Witze, die damals die Runde machten: „DDR – der dumme Rest“, oder „der letzte macht das Licht aus“, machten schon sehr deutlich, was hier passierte. Und was da nun auf dem Nikolaikirchhof und bei den Friedensgebeten passierte hat mich sehr gefreut – was sich da an Protestpotenzial entwickelte!

Völker: Wir waren erst ganz wenige, so 20 Leute, wirklich minimal. Damals habe ich meinen kleinen Sohn immer mitgenommen, weil ich ihm was da passierte im lebendigen Geschichtsunterricht zeigen wollte. Und ich wollte ihm auch die Stasileute zeigen. Die wohnten da nämlich und wurden immer ganz schnell zusammengerufen. Man konnte die erkennen: Es waren kraftvolle junge Männer, vielleicht nicht gerade in Lederjacken, aber schon so ein bestimmter Typ mit einer eindeutigen Körpersprache. Die mischten sich da immer mitten rein.

Hattenhauer: An diesem 4. September habe ich meine wichtigste Aktion gestartet. Mit Gesine Oltmanns habe ich ein Plakat gehalten auf dem stand: „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Das war eine riskante Aktion, die kaum einer wagen wollte. Es war Messemontag, die Stadt voller ausländischer Journalisten. Es herrschte Traurigkeit über die vielen Ausreisenden und Angst vor einer Eskalation. Gleichzeitig war dies der einzige Tag, an dem möglicherweise ein westdeutscher Journalist anwesend sein würde, der dieses Bild nach außen tragen konnte. Das war dann auch so. Das Bild war unter den 50 meistgesendeten Bildern im deutschen Fernsehen auf Platz zwei, zusammen mit den Bildern vom Mauerfall. Eine Woche später kam ich in den Knast. Die Anklage war riesig und es gab kaum ein Entrinnen. Es sah aus als gäbe das ein paar Jahre.

Leipzig, Oktober 1989. Immer mehr Menschen kommen zu den Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen. Nachdem am 7. Oktober der 40. Jahrestag der DDR offiziell gefeiert wird, sollen die Montagsdemonstrationen – wenn nötig mit Gewalt – eingedämmt werden.

Hollitzer: Vor dem 9. wurde ganz gezielt Panik verbreitet. Am 6. Oktober stand dieser berühmte als Leserbrief verbrämte Schießbefehl, die sozialistischen Errungenschaften notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, in der Leipziger Volkszeitung. Der sollte dazu führen, dass die Leute nicht demonstrieren gehen. Aber die meisten haben nur gedacht: „Jetzt spinnen sie völlig“. Und plötzlich haben Leute, die bislang unpolitisch waren oder dem System loyal gegenüberstanden gesagt, dass dies einen Schritt zu weit ging. Und so haben diese Drohungen massiv dazu geführt, dass so viele Leute genau anders reagiert haben als gedacht.

Leipzig, 9. Oktober. An diesem Tag erreichen die Montagsdemonstrationen ihren Höhepunkt. Katrin Hattenhauer sitzt zu diesem Zeitpunkt noch im Gefängnis in der Beethovenstraße.

Hattenhauer: Ich habe gar nichts mitbekommen von dem, was draußen lief. Mir wurde nur gesagt, dass, wenn die draußen schießen, ich die erste bin, die sie hier vor die Wand stellen werden. Von den Neuzugängen hörte ich nur per Alphabet: „Blumen und Kerzen vor der Nikolaikirche“. Und das konnte ja alles bedeuten. War das nun eine Beerdigung? Dann hörten wir im Knast starke Erschütterungen und dachten es seien Panzer – wir wussten ja nicht, dass das die Erschütterungen von 70.000 Leuten waren, die auf der Straße demonstrierten.

Völker: Wir hatten schon vormittags gehört, dass Blutkonserven in das St. Georgs Krankenhaus gebracht wurden und das Betten frei gemacht wurden. Wir wussten, dass das ganz dramatisch werden kann und es war aber natürlich auch klar, dass wir dahin mussten. Das war keine Frage. Ich habe meinen Sohn zu einer Freundin gebracht, die selber zwei Kinder hatte und auf keinen Fall mitwollte. Ich habe ihr gesagt, was sie machen soll, falls ich nicht wiederkomme. Und dann habe ich mir meine Turnschuhe rausgesucht und bin los. An dem Abend kam ich in die Nikolaikirche nicht rein, denn die war schon übervoll. Also bin ich in die Thomaskirche gegangen. Und da war die Stimmung wirklich zum Schneiden. Dann kam der „Aufruf der Sechs“ [von Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, Theologe Dr. Peter Zimmermann, Kabarettist Bernd-Lutz Lange, und die Sekretäre der SED-Bezirksleitung Leipzigs Dr. Kurt Meyer, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel], in dem die Aussage „keine Gewalt“ im Mittelpunkt stand. Dann ging es los. Wir waren ja selber natürlich auch überwältigt von diesen Massen und es gab so eine, ich möchte nicht sagen „Verbrüderung“, aber man hat diese Stimmung geteilt mit so vielen Menschen. Ich weiß noch wie das umkippte, dass diese Angst so einem Gefühl wich: „Da passiert jetzt was, das nicht mehr rückgängig zu machen ist“. Das weiß ich noch so genau, wie diese Stimmung umschlug. Weil wir so viele waren. Die konnten nur dasselbe machen wie auf dem Platz des Himmlischen Friedens und das würden sie nicht tun, irgendwie war das klar. Eine Freundin hatte einen Blumenstrauß in der Hand und den drückte sie einem Fahrer der Wasserwerfer in die Hand. Und ich weiß noch, dass wir um den ganzen Ring herum marschiert sind und an dem Abend als ich dann irgendwann mal ganz spät zuhause war und meinen Sohn abgeholt hatte – ich habe immer das Pflaster meiner Stadt unter den Füßen gespürt. Ich habe mich vorher nie so identifiziert mit Leipzig wie zu diesem Zeitpunkt.

Hollitzer: Ich selber bin am 9. nicht dabei gewesen. Ich war in Wittenberg bei einer Veranstaltung. Aber wir sind ab Mittag überhaupt nicht mehr dazu gekommen, inhaltlich irgendwas zu machen, weil es nur um die Frage ging: „Was passiert heute in Leipzig?“ Und als dann klar war, dass die gelaufen sind und nichts passiert ist, das war einfach irre. Das war wirklich einfach irre.

Leipzig, 13. Oktober. Katrin Hattenhauer wird nach vier Wochen Haft wieder entlassen.

Hattenhauer: Als ich freigelassen wurde, wusste ich gar nicht, dass das überhaupt meine Freilassung war. Ich dachte, die verlegen mich. Als ich dann plötzlich draußen stand, bin ich einfach am Tor stehen geblieben. Es hätte ja auch wieder einer ihrer Tricks sein können, dass sie mir erst Hoffnung machen und mich dann nach ein paar Metern wieder einsammeln oder mich „auf der Flucht“ erschießen. Als ich begriff, dass ich wirklich gehen konnte, sagte ich zum Wachmann „auf Wiedersehen“, der nur noch zurückbrüllte: „Raus!“. An diesem Abend noch habe ich angefangen, Kunst zu machen, um das Erlebte zu verarbeiten.

Leipzig, Oktober bis November 1989. Die Leipziger demonstrieren weiter. Sie haben den Mut bekommen, ihre Meinungen und Wünsche offen zu äußern.

Hollitzer: Das einschneidendste und positivste Erlebnis im Herbst ‘89 war für mich, dass eine große Masse an Bevölkerung sowas von auf den Punkt begriff, was da grade abging, und derart scharfsinnig und friedlich regierte, wie man es selten sonst erlebt. Das hat mir den Glauben an die Menschheit ein Stück zurückgegeben.

Völker: Die vier Wochen zwischen dem 9. Oktober und dem 9. November haben was freigelegt, was vorher nicht zu spüren war: Da gab es zum Beispiel im Gewandhaus Gespräche, von Kurt Masur angeregt. Im gesamten Treppenhaus des Gewandhauses saß alles voll, wir hingen überall über dem Geländer und auf den Stufen. Und da lernte das Volk sprechen. Das war unglaublich. Dass Leute aus allen Schichten plötzlich anfingen zu sagen, was Sache war. Sie erzählten, was sie erlebt hatten, was sie sich wünschten, was sie für ein Gefühl hatten – was vorher undenkbar war. Es hatte bisher niemand frei gesprochen. Es war ja immer alles gelenkt oder nur mit Rücksicht oder halb verrenkt gewesen. Und das fand ich so faszinierend, wie da alle möglichen Leute spontan redeten.

Deutschland, 9. November 1989. Die Mauer fällt. An diesem Abend wird Katrin Hattenhauer 21 Jahre alt. Nach der Grenzöffnung beginnt für 17 Millionen DDR-Bürger ein neues Leben. Katrin Hattenhauer reist zunächst um die Welt, verwirklicht sich in ihrer Kunst und lässt sich schließlich in Berlin nieder. Dagmar Völker reist ebenfalls – immer wieder und soweit es geht – und macht eine Zusatzausbildung in der Psychoanalyse. Tobias Hollitzer kümmert sich um den Kampf gegen das Vergessen. Bis heute ist er im Museum in der „Runden Ecke“ aktiv und klärt in zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen über die Verbrechen der Stasi auf.