Hutformenbau Leipzig: Woher der Hut die Form bekommt

Veröffentlicht im KUNSTSTOFF KULTURMAGAZIN Heft 19 (Apr/Mai/Jun 2010)

Er heißt Zylinder, Melone, Stetson oder Sombrero. Es gibt ihn für Damen und Herren, für die Arbeit oder als Schmuck. Der Hut. Man bekommt ihn beim Hutmacher oder in der Kaufhauskette – doch wie bekommen die Hüte eigentlich ihre Form? Die Antwort verbirgt sich in Leipzig.

Im Hintergrund singt Helene Fischer aus einem mit einer Plane abgedeckten Radio, dahinter ein Blumenstrauß aus rosa Plastikblumen und sonst – überall Hutformen: Köpfe, Krempen, Kappen… Die Regale quellen förmlich über. Vor der Eingangstür stehen grobe Holzplanken aus Lindenholz. Daraus sollen später einmal Hutformen werden. Die Holzplanken werden zu Leimblöcken verklebt, an denen so lange herum gefeilt wird bis die Hutform entstanden ist – die Hutform ist sozusagen der Rohling für den Hutmacher. Hutformen gibt es bei den Herrmanns in verschiedenen Größen, damit der Hut später auch passt. Hutmacher wählen dann aus dem großen Sortiment der Herrmanns ihre neuesten Modelle in den gewünschten Maßen aus. Über die gewählte Hutform stülpt der Hutmacher später eine Art nasse Filzzipfelmütze bis sie sich eng an die Form schmiegt und versteift sie mit Schellack oder ähnlichem – fertig ist der Hut.

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Hutformen, bis das Regal überquillt. Foto: Stefanie Becker

Über die ganze Werkstatt der Herrmanns zieht sich ein hauchdünner Holzstaubfilm, der eine etwas nebelige Atmosphäre schafft. Dazwischen ein paar Maschinen, eine Werkzeugbank und noch mehr Hutformen. Thomas und Monika Herrmann stehen an einer Arbeitsbank am Fenster. Er schnitzt eine neue Form, sie arbeitet an einem Hutständer. Thomas Herrmann hat das Handwerk noch zu DDR-Zeiten von seinem Vater gelernt und betreibt den Laden seit 2004 zusammen mit seiner Frau. Vor der Wiedervereinigung war „Hutformenmacher“ in beiden Teilen Deutschlands noch ein normaler Lehrberuf, heute ist es ein aussterbender Berufszweig. Doch hat die Firma Herrmann in Leipzig Tradition: 1870 wurde sie von der Familie Born gegründet und etwa 90 Jahre später von den Herrmanns übernommen. Thomas Herrmann führt den Laden schon in der dritten Generation. „Die Kreativität dieses Berufes begeistert mich“, erklärt er. „Wir müssen zum Teil die ausgefallensten Ideen umsetzen. Außerdem ist Holz unberechenbar: Man arbeitet und schneidet an einem Holzblock und plötzlich entdeckt man einen Ast. Da muss schnell eine Lösung her und das macht Spaß“. Geschnitzt wird per Hand, nur die Rundköpfe können mit einer Maschine hergestellt werden. Viele sind das aber nicht – denn kein Kopf ist rund.

Aber nicht nur fremde Entwürfe werden umgesetzt, die Herrmanns entwerfen auch eigene Ideen. Sie sind auf jeder Modemesse vertreten und für diese entwickeln sie mindestens drei oder vier neue Modelle. Dafür orientiert sich Monika oftmals am Who-is-Who der internationalen Hutträger-Szene. „Klar interessiere ich mich für Klatsch und Tratsch, aber wenn ich Promi-Sendungen gucke oder die Frauenzeitschriften lese, merke ich mir nicht, wer da nun wen geheiratet hat, sondern nur, welche Hüte sie getragen haben. Denn was jetzt in England getragen wird, ist in zwei oder drei Jahren auch hier gefragt“. In Deutschland werden Hüte aber trotzdem nur selten als Modegags getragen, Designstudenten und Modemacher probieren sich ab und zu an ausgefallenen Modellen aus, Promis glänzen mit extravagantem Kopfschmuck, doch gehört der Hut schon lange nicht mehr zur Alltags- und immer seltener zur Arbeitskleidung.

Die Firma der Herrmanns ist auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig angesiedelt, die sich in den letzten Jahren einen Ruf als Kunst- und Kulturzentrum erworben hat. Die Arbeit im Herzen der Kunstszene bietet willkommene Aufmerksamkeit für das ungewöhnliche Geschäft. Bei jedem Tag der offenen Tür sind die Herrmanns dabei, stellen ihre Hutformen aus und lassen Laien selbst an einem Hutkopf-Dummi herumschnitzen. Bei der Werkschau zur 125-Jahr-Feier der Spinnerei im letzten Jahr waren sie selbstverständlich auch vertreten und ihre Hutformen hatten Fast-Kontakt zur Kanzlerin. „Sie lief durch die Werkschau und wir haben im Fernsehen gesehen, dass sie leider achtlos an unseren Hutformen vorbei lief“, erinnern sie sich. „Hätte sie eine in die Hand genommen, wäre das natürlich der Knaller für uns gewesen“. Monika Herrmann lacht. Das Paar nutzt auch privat, was ihnen die Spinnerei bietet: Lesungen, Kulturveranstaltungen und manchmal lugen sie auch durch die Fenster der Galerien, um zu sehen, was die Nachbarn so treiben. Aber ihr liebstes Hobby ist der Campingurlaub – Dauercamping in Bergwitz in der Dübener Heide.

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Thomas Herrmann an der Werkbank. Foto: Stefanie Becker

Die Kundschaft der Herrmanns ist bunt: Hutmacher, Theater und Hutfabriken zählen dazu, aus aller Herren Länder kommend – von Neuseeland über China, Japan, Ägypten und Kanada. Nur die Chinesen, die haben etwas andere Vorstellungen von Hutmode als die westlichen Nationen. „Sie wollen runde Hüte. Komplett rund. So rund ist kein Kopf, deswegen haben wir hier ja die ovale Form, aber das wird in China nicht getragen. Wie sie die Hüte dann auf die Köpfe bekommen, weiß ich auch nicht, aber sie bekommen ihre Formen von uns natürlich rund“, erklärt Monika. Sie ist sich sicher, dass sogar die Queen eines ihrer Modelle trägt. „Queen Elizabeth war mal hier in Deutschland auf einer Modemesse und ein halbes Jahr später trug sie einen Hut, der genau die Form hat, wie sie mein Schwiegervater entworfen hat. Nachweisen können wir natürlich nichts, denn vielleicht hat jemand anders zur selben Zeit eine ähnliche Idee gehabt, aber ich bin mir sicher, die Form war von uns“. Monika ist gelernte Gärtnerin, hat schon immer in kreativen Berufen gearbeitet, aber noch nie etwas mit Hutformen zu tun gehabt. Bis sie Thomas kennen lernte. Es begann als eine Internetbekanntschaft, aus der schließlich Liebe wurde, bis Monika schließlich aus der Lausitz nach Leipzig zog und 2004 bei Thomas im der Werkstatt einstieg. Angelernt wurde sie noch von Thomas Vater, der sich mittlerweile aus dem Geschäft zurückgezogen hat. Nur die großen Blumen vor der Tür neben den Holzplanken erinnern noch an ihren alten Beruf.

Die Hutformenmacherfirma Herrmann ist die letzte ihrer Zunft, nur in Westdeutschland gibt es noch einen Drechsler der nebenbei ein paar Hutformen herstellt. Das sei aber kein Meisterbetrieb und außerdem könne er als Drechsler auch nur die Rundformen herstellen. Wenn die Herrmanns sich also entschließen sollten, aufzugeben, wird es keine Hutformenmacher mehr in Deutschland geben. Ausbilden wollen sie niemanden, der Beruf würde nicht mit staatlichen Geldern unterstützt und reich könne man damit auch nicht werden, erklären sie. „Die Kundschaft in den weiten Teilen der Welt bestellen ja auch nicht am laufenden Band“, erklärt Thomas. „Nicht einmal mehr die jungen Prinzessinnen tragen regelmäßig Hüte“, ergänzt Monika. „Außerdem sind unsere Formen einfach zu gut. Sie gehen nicht kaputt und wer von den klassischen Modellen schon eine Form von uns besitzt, braucht keine neue“. Kein Beruf der Zukunft also. Und wenn die Herrmanns ihr Handwerk niederlegen, werden sich die Hutmacher neue Quellen für ihre Hutformen ausdenken müssen. Möglicherweise übernehmen weitere Drechsler oder auch Modellbauer ihr Handwerk. Noch aber sind die Herrmanns in der Spinnerei für viele Kreativköpfe kaum wegzudenken.

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Fein sortiertes Chaos: Das Werkzeug der Hutformenmacher. Foto: Stefanie Becker

 

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